Kinder stärken in unsicheren Zeiten

Prof. Dr. Philipp Gelitz über 100 Jahre Waldorfkindergärten und die Zukunft der frühen Kindheit

Seit der Gründung des ersten Waldorfkindergartens im Jahr 1926 hat sich die frühkindliche Bildung grundlegend verändert. Heute prägen Digitalisierung, gesellschaftliche Krisen und neue Familienrealitäten das Aufwachsen von Kindern. Welche Ideen der Waldorfpädagogik haben bis heute Bestand? Vor welchen Herausforderungen stehen Kinder, Familien und pädagogische Einrichtungen? Und wie kann eine zeitgemäße Waldorfpädagogik darauf antworten?

Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Waldorfkindergärten“ spricht Prof. Dr. Philipp Gelitz, Professor für die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit an der Alanus Hochschule, über die Anfänge der Bewegung, aktuelle Herausforderungen und notwendige Zukunftsperspektiven.

2026 ist das Jubiläumsjahr der Waldorfkindergärten: Seit 100 Jahren finden Kinder in Waldorfkindergärten Entwicklungsräume – eine lange Zeit, in der viel Veränderung stattgefunden hat. Wie haben Waldorfkindergärten begonnen und wo stehen sie heute?

Der erste Waldorfkindergarten auf dem Gelände der ersten Stuttgarter Waldorfschule konnte 1926 erst nach mehreren Anläufen starten. Alle Beteiligten waren mit der Gründung der ersten Waldorfschule und dem schrittweisen Aufbau der Schule sehr herausgefordert, und es gab keine ausreichenden Möglichkeiten, sich auch mit dem Kindergarten näher zu befassen. Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, hatte zwar immer wieder mit Nachdruck betont, wie wichtig ein Kindergarten sei, aber die Zeit war vorher wohl einfach noch nicht reif. Die Waldorfpädagogik der frühen Kindheit war dann zunächst eine reine Kindergartenbewegung. Heute fassen wir darunter ja auch die Krippenbetreuung für Kinder unter drei Jahren, Tagespflegepersonen, aber auch Eingangsklassen, Brückenklassen oder Vorklassen. In den letzten 30 bis 40 Jahren ist das Feld also viel größer geworden und umfasst ganz verschiedene Organisationsformen der frühkindlichen Bildung. Die Bewegung ist dabei auch mit Blick auf die absoluten Zahlen stark gewachsen. Gab es bis 1970 noch weniger als 100 Waldorfkindergärten in Deutschland, so sind es heute knapp 600 Einrichtungen in Deutschland und knapp 2.000 weltweit.

Was würdest du sagen, sind die größten Veränderungen in den letzten Jahren im Hinblick auf die frühe Kindheit? Vor welchen Herausforderungen stehen junge Kinder, Familien und Kindergärten heute?

Die größte Veränderung ist sicherlich die Allgegenwart von Elektronik und digitalen Medien. Was früher als problematisch eingeschätztes Mediennutzungsverhalten galt, ist heute zunehmend Alltag. Wir machen alles über Screens und tippen und wischen. Das ist zumeist auch ganz praktisch, führt aber dazu, dass Kinder Vorbilder haben, die dutzendfach am Tag kurz erstarren, um auf dem Handybildschirm etwas zu regeln. Das sieht aus kindlicher Perspektive so aus, als ob die Erwachsenen nicht so ganz mit der Realität verbunden wären.

Darüber hinaus sehe ich im Hinblick auf Kindheit und Familienleben vor allem als besondere Herausforderung, dass ein lange gültiges Zukunftsversprechen nicht mehr so recht gilt. Dass es die nächste Generation einmal besser haben wird als die davor, ist angesichts der ökologischen Krise, des abnehmenden Vertrauens in die Demokratie, des Populismus, aber auch der Angst vor Krieg und der Diskussionen um Aufrüstung zurzeit eher nicht zu erwarten.

Pädagogisch wäre es geboten, dass das Krisengerede nicht bis in die Welt der Kinder hineinschwappt. Das ist viel verlangt und vielleicht auch eine Überforderung, aber Kinder benötigen Sicherheit für eine gesunde Entwicklung. Das schulden wir ihnen, auch wenn es anstrengend ist.

Gibt es Waldorf-Themen, die zeitlos sind? Gibt es spezifische Merkmale eines Waldorfkindergartens?

Auf jeden Fall die besondere Berücksichtigung des freien Spiels, aber auch die Spielmaterialien, die Raumgestaltung mit den vielen natürlichen Materialien sowie eine rhythmische Tagesgestaltung. Die Bedeutung von Rhythmus und Wiederholung und damit eine Orientierung in den zeitlichen Abläufen ist ausgesprochen waldorftypisch. Auch der besondere Fokus auf gemeinsam mit den Kindern ausgeführte hauswirtschaftliche und handwerkliche Tätigkeiten, möglichst viel Naturkontakt und die vielfältigen künstlerischen Angebote sind besonders charakteristisch für den Waldorfkindergarten.

Gerade in Bezug auf ästhetische und kulturelle Elemente wird dabei aber auch deutlich, dass Waldorfkindergärten in unterschiedlichen kulturellen Kontexten ganz unterschiedlich aussehen können.

Du hast auf der diesjährigen Welttagung „Kindergarten und frühe Kindheit“ am Goetheanum für die Alanus Hochschule eine Keynote innerhalb des Festaktes zum Waldorfkindergarten-Jubiläum gehalten – welches Thema hast du dabei in den Vordergrund gestellt?

Der Kern meines Beitrags bestand darin, dass die Waldorfpädagogik in Zukunft hauptsächlich nicht mehr erklären, rechtfertigen und verteidigen sollte, was Waldorfpädagogik ist. Stattdessen ist es notwendig, sich auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu konzentrieren – also, wie eben schon erwähnt, beispielsweise auf Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Populismus.

Auch über solche verunsichernden Themen hinaus gibt es eine Vielzahl gegenwärtiger Fragen, Herausforderungen und neuer Bedingungen in Bezug auf Familienleben, Inklusion, Diversität und vieles mehr. Ich habe dafür plädiert, dass wir die Blickrichtung ändern und von diesen Themen aus schauen, was Waldorfpädagogik zu bieten hat, und nicht von der Waldorfpädagogik aus betrachten, wie wir die Gegenwart verstehen können.

Wenn Waldorfpädagogik zu einer bestimmten Frage keine geeignete pädagogische Antwort hat, dann müssen wir sie eben entwickeln – so einfach ist das. Wenn man sehr mit der Waldorfpädagogik verbunden ist, dann mag man sie zunächst sehr in den Formen, in denen sie bisher existiert. Das bemerke ich sowohl bei mir als auch bei anderen. Wir sind aber nicht für die Waldorfpädagogik verantwortlich, sondern für Kinder.