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Gesünder mit Big Data!? Ein interdisziplinärer Workshop

An der Alanus Hochschule diskutieren Studierende über die Digitalisierung in der Medizin

Welche Vorteile und Risiken bringt „Big Data“ für unsere Gesundheit mit sich – und wie verändert sich der Blick auf unseren Körper durch Wearables und Self Tracking-Apps? In einem gemeinsamen Wochenend-Seminar für Studierende der Alanus Hochschule in Alfter und Studierende der Katholischen Stiftungshochschule München (Campus Benediktbeuern) diskutierten rund 40 Studierende vom 29.-31. März diese Fragen an der Alanus Hochschule. Zuvor hatte ungefähr ein Dutzend von ihnen Fitness- oder andere Gesundheits-Apps selbst getestet, Experten berichteten während des Seminars aus Theorie und Praxis und am Ende schlüpften die Studierenden selbst in unterschiedliche Expertenrollen und entwickelten in einem Planspiel Vorschläge für die Regulierung von Big Data im Gesundheitswesen.

Verantwortlich für das ungewöhnliche Seminarkonzept war Philosophieprofessor Thomas Schmaus von der Alanus Hochschule. Er nimmt seit 2017 in einem interdisziplinären Forschungs- und Bildungsprojekt an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing teil, dem so genannten Tutzinger Diskurs, in dem mehrere Experten Chancen und Risiken der Digitalisierung im Gesundheitswesen diskutieren. Erste Ergebnisse in Form eines Thesenpapiers konnten die „Tutzinger“ Experten im letzten Jahr auf einer internationalen Konferenz in Zagreb/Kroatien präsentieren. Aktuell werden im Rahmen des Tutzinger Diskurses Lehrmaterialien für den Schulunterricht entwickelt, damit schon junge Menschen für die Komplexität des Themas sensibilisiert werden können. In diese Lehrmaterialien sollen auch die Erfahrungen eingehen, die während des Seminars bei dem Planspiel gesammelt werden konnten und natürlich auch die Rückmeldungen, die die Studierenden im Anschluss an das Seminar anonym geben konnten.

Alanus-Alumna und Unternehmensgründerin Kristina Wilms konnte für einen Vortrag gewonnen werden. Als weitere Experten hatte Thomas Schmaus einige seiner Kollegen aus Tutzing dabei, mit denen er den Ablauf des Seminars und das Planspiel zusammen vorbereitete: Der Unternehmensberater Florian Schumacher, die Juristin Johanna Onischke und die Politikwissenschaftlerin Maren Bernlöhr. Michael Spieker, Professor an der Katholischen Stiftungshochschule und Initiator  des Tutzinger Diskurses, war mit einigen Studenten angereist, vom Tutzinger Team kam zudem noch Ludwig Krüger. Florian Schumacher berichtete von aktuellen Anwendungen, als begeisterter Nutzer der neuen Möglichkeiten, der viel an sich selbst testet, sagte er: „Ich bin, was das Thema angeht, sehr enthusiastisch“. Die Vorteile der Technologie konnte auch Kristina Wilms aufzeigen, die anhand einer von ihr mitentwickelten Depressions-App Einblicke in ein konkretes Anwendungsfeld gab. Sie berichtete nicht nur über die Krankheit, sondern auch darüber, wie wichtig Vertrauen und Schutz der Daten, bei einem solchen Produkt sind. Die Medienrechtlerin Johanna Onischke erläuterte, wie kompliziert, widersprüchlich und undurchschaubar viele Datenschutz-Bestimmungen oft sind. Die Studierenden bekamen im Anschluss die Aufgabe, die Datenschutzerklärung einer Fitness-App zu analysieren, die zuvor von einigen Studierenden ausprobiert worden war. Während die Bestimmung an einigen Stellen sehr präzise formuliert war und Missbrauch ausschloss, fanden die Studierenden an anderen Stellen Formulierungen, die dem Betreiber eine fast beliebige Verwendung der Daten ermöglichte.

Was macht Big Data mit der Gesellschaft? Viele Studierenden nahmen in dieser Frage einen kritischen Standpunkt ein. Die Menschen kommunizieren weniger miteinander, sagte eine Studentin – sie befürchtet, dass es sich um einen Schritt hin zu einem Überwachungsstaat handeln könne. Es würde weniger auf das Wesentliche des Menschseins geachtet, sondern sehr leistungsorientiert gedacht, erklärten sie: Schon ein Spaziergang würde über Schrittzähler ausgewertet, es käme zu Leistungsdruck. Während es als Vorteil möglich wäre, Menschen weltweit zu vernetzen und etwa Stammzell-Spender in anderen Erdteilen zu finden, würden Menschen womöglich zunehmend das Vertrauen in den eigenen Körper verlieren.

„Es gibt neue Möglichkeiten, Politik zu gestalten“, sagte die Politikwissenschaftlerin Maren Bernlöhr  und gestaltet werden muss auch die Entwicklung von Big Data. Konsensfindung bei unterschiedlichen Positionen war das Ziel des Planspiels. Mithilfe von Texten, die die Tutzinger Experten vorab verfasst hatten, hatten sich die Studierenden  gruppenweise in unterschiedliche Positionen einzuarbeiten und diese dann in einem Rollenspiel zu vertreten. Die Studierenden nahmen nun die Standpunkte aus ganz unterschiedlichen Bereichen ein: Pharmaindustrie, App-Entwicklung, Behindertenvertretung, Datenschutz, Krankenkassen, Philosophie usw. Am Ende formulierten sie einen „Call to Action“ zum Umgang mit BigData im Gesundheitsbereich an die Politik.

Die Organisatoren freuten sich über die gelungene Tagung und ebenso begeisterte wie nachdenkliche Studierende: Hervorgehoben wurde „die Vielfalt der Expertisen“, „die vielen verschiedenen Fachimpulse“ mit den anschließenden Gesprächen, die als „richtiger Luxus“ wahrgenommen wurden, so dass es möglich war, eine eigene Position zu dem vielschichtigen Thema zu finden.

Update: Auf der Abschlussveranstaltung des Tutzinger Diskurses am 10.07.2019 stellte Prof. Schmaus den Alfterer Workshop vor, der aktuell als Modell für die Erwachsenenbildung adaptiert wird. Auch in die Lehrmaterialien, die vom Diskurs-Team erstellt wurden und kostenfrei abrufbar sind, sind die Erfahrungen aus dem Alfterer Seminar mit eingeflossen.

Gesünder mit Big Data!? Ein interdisziplinärer Workshop