Kinder ohne Smartphone, mehr Zeit draußen, weniger verplante Nachmittage: Unter dem Begriff „Retro-Parenting“ wird derzeit ein Erziehungstrend diskutiert, bei dem Eltern bewusst an Erfahrungen aus ihrer eigenen Kindheit anknüpfen. Mit diesem Phänomen beschäftigt sich auch Dr. Paula Bleckmann, Professorin für Medienpädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft.
Aus pädagogischer Sicht kann dieser Ansatz wichtige Impulse geben. Prof. Dr. Paula Bleckmann bewertet insbesondere den reduzierten Umgang mit digitalen Medien positiv. Die vergleichsweise späte Nutzung von Fernseher, Spielkonsole oder Smartphone, wie sie in vielen Familien früher üblich war, sei häufig besser an die Entwicklungsphasen von Kindern angepasst.
Ein zentrales Problem heutiger Medienumgebungen sieht Bleckmann darin, dass digitale Angebote sehr schnell Bedürfnisse nach Unterhaltung und Ablenkung befriedigen. Dadurch könne jedoch die kindliche Neugier zu kurz kommen. Wenn Informationen jederzeit per Klick verfügbar sind, bestehe die Gefahr, dass Kinder weniger eigene Fragen entwickeln oder längere Zeit an einer Sache dranbleiben.
Bleckmann erläutert: „Mehr Zeit für freies Spielen, mehr Draußenzeit, mehr Langeweile zulassen, größere Eigenständigkeit zutrauen, weniger Bildschirmzeit, mehr analoge Zeit mit der Familie. Das sind sehr förderliche Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen, besonders für ein gesundes Gehirnwachstum.“ Gleichzeitig warnt Bleckmann davor, die Vergangenheit zu idealisieren. Die Kindheit der 1990er-Jahre sei auch in gesellschaftliche Strukturen eingebettet gewesen, die heute teilweise überwunden sind – etwa traditionelle Rollenbilder in Familien. Außerdem könne ein sehr restriktiver Umgang mit digitalen Medien auch soziale Herausforderungen für Kinder mit sich bringen, etwa wenn sie im Freundeskreis stark von üblichen Kommunikationsformen ausgeschlossen sind. Sie empfiehlt Eltern, das Thema nicht isoliert zu betrachten, sondern sich in Initiativen zusammenzuschließen und auszutauschen.
Bleckmann hält den Begriff „Retro-Parenting“ daher für etwas irreführend. Es gehe weniger darum, nostalgisch in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern darum, Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Entscheidend seien Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und kritisches Denken – Fähigkeiten, die häufig gerade durch analoge Erfahrungen und reale Begegnungen entstehen.
Mehr zur aktuellen Debatte ist am 20. Februar 2026 in der Frankfurter Rundschau erschienen. Hier geht’s zum Artikel.
