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Von der Armee ins Atelier

Flucht vor drohender Folter, Gefängnis und lebenslangem Militärdienst: Mehr als 5000 Kilometer liegen hinter Brhane Tewelde, als er im Juli 2014 Deutschland erreicht. In seiner alten Heimat Eritrea war Tewelde Soldat, heute kann er in Alfter endlich seine Leidenschaft ausleben.

„Ich liebe das Zeichnen und Bildhauern. Ich möchte unbedingt Künstler werden“, sagt Tewelde, der sich zurzeit im Rahmen des DAAD-Förderprogramms Integra an der Alanus Hochschule auf ein Kunststudium vorbereitet. Hier in Alfter hat der 27-Jährige einen Ort gefunden, von dem er lange geträumt hat. „Anfangs war Brhane sehr still und sah sehr traurig aus. Wenn man ihn heute trifft, strahlt er. Er ist hier richtig aufgeblüht“, sagt Bildhauerei-Dozentin Bianka Mieskes.

Von der Armee bis ins Atelier war es allerdings ein sehr langer und harter Weg. Es ist eine abenteuerliche Geschichte: Sie handelt von Ohnmacht und Verzweiflung, großem Mut, Todesangst, Überlebenswillen, Glück und Hilfsbereitschaft.

Odyssee in die Freiheit

In Eritrea hält es Tewelde irgendwann einfach nicht mehr aus. Seit vielen Jahren leidet die Bevölkerung unter dem brutalen Diktator Isayas Afewerki. „Ich war hoffnungslos, lebte in ständiger Angst. In meiner Heimat kann man jederzeit zum Militär geschleppt oder ins Gefängnis gesteckt werden“, erzählt Tewelde. Viele Jahre wurde er zum Militärdienst gezwungen, bevor er schließlich im Frühjahr 2014 seine Familie und Heimat verlässt. Über Äthiopien flüchtet Tewelde in den Sudan und anschließend zwei Wochen durch die Sahara-Wüste nach Libyen. „Viele Flüchtlinge sind dort verdurstet.“

Bei der anschließenden Überfahrt nach Italien kentert das Boot im Mittelmeer. Zwei Tage lang hält sich Tewelde über Wasser, dann rettet ihm die italienische Küstenwache das Leben. Seine Odyssee führt über Frankreich und Italien weiter nach Deutschland – und endet schließlich in der Eifel.

Als Künstler entdeckt

Ob Schicksal, Glück oder Zufall: Im Frühjahr 2015 lernt Tewelde im Flüchtlingsheim von Schleiden seinen späteren Mentor Udo Hermanns kennen. Der ehemalige Hauptschullehrer engagiert sich in der örtlichen Flüchtlingshilfe. Und entdeckt bei einem Abendessen Teweldes künstlerische Begabung. „Wir saßen zufällig nebeneinander. Brhane erzählte mir, dass er gerne zeichnet. Das fand ich spannend“, erinnert sich Hermanns. Tewelde zeigt ihm seine Arbeiten, die er mit Bleistift und Kugelschreiber auf alle Arten von Papierfetzen gezeichnet hat. „Es waren vor allem gegenständliche Zeichnungen und Alltagsmotive aus seiner Heimat. Die waren richtig gut“, erzählt Hermanns. Gemeinsam mit seiner Frau Eva-Maria, einer freischaffenden Künstlerin, überlegt er: „Wie kann man jemandem mit diesem Talent helfen, aus der endlosen Ödnis des Wartens und dieser Unterkunft rauszukommen?“

Das Ehepaar ruft schließlich bei der Alanus Hochschule an: Eva-Maria Hermanns kennt die Hochschule seit Langem. Sie arbeitet als Kuratorin im KunstForumEifel in Gemünd, wo auch Künstler aus Alfter regelmäßig ausstellen. Dozentin Bianka Mieskes lädt Udo Hermanns und Tewelde zu einem Gespräch nach Alfter ein. Die Arbeiten des Flüchtlings beeindrucken die Bildhauerei-Professoren Andreas Kienlin und Jo Bukowski. „Brhanes Zeichnungen haben von einer großen Leidenschaft für das Zeichnen gezeugt. Er hat im überfüllten Flüchtlingsheim bei großer Lautstärke gezeichnet und hat sich nicht abbringen lassen. Das hat uns imponiert“, sagt Mieskes.

Tewelde darf deshalb gleich am Malerei-Kurs von Professor Bukowski teilnehmen. Hermanns hilft und löst die logistischen Probleme, holt Tewelde täglich von seinem Deutschkurs in Euskirchen ab und fährt ihn nach Alfter. 1200 Kilometer in drei Wochen.

Talentiert und bestens integriert

Seit März 2016 nimmt Tewelde nun am Integra-Programm teil und belegt verschiedene Kurse im Fachbereich Bildende Kunst. Bianka Mieskes entwickelte eigens ein individuelles Studienprogramm für ihn. Mittlerweile ist Tewelde bestens integriert und arbeitet sehr gerne in den Ateliers der Hochschule. Professor Andreas Kienlin lobt den früheren Soldaten in den höchsten Tönen: „Er hat viel Talent, ist richtig gut und ausdauernd. Wir würden uns freuen, wenn er künftig bei uns in Alfter studieren würde.“

Als er in Deutschland ankam, sprach Tewelde kein Wort Deutsch. Inzwischen kann man sich recht gut mit ihm unterhalten. „Das Schöne an der Kunst ist, dass man über Sprachbarrieren hinweg  kommunizieren kann. In der Kunst kann man jenseits von Worten viel verstehen“, sagt Mieskes.

 

 

Von der Armee ins Atelier
© Frieda Berger
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