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Vom Güterbahnhof zur Waldorfschule

300 Meter lang, 20 Meter breit: Man braucht Phantasie, um sich im alten Güterbahnhof von Görlitz eine Waldorfschule vorzustellen. Und einen Plan. Architektur-Professor Swen Geiss und Alanus-Student Simon Koolmann reizt diese besondere Herausforderung: In ihrem Entwurf, der ab 2019 umgesetzt werden soll, möchten sie gemeinsam mit der Schule Jacob Böhme „Waldorfschule weiterdenken“.

Bis 1993 wurden in den denkmalgeschützten Hallen im Westen der sächsischen Kleinstadt Güter verladen, ab 2021 sollen hier Kinder und Jugendliche lernen und sich auf dem Pausenhof austoben. „Das riesige Industriegebäude entspricht so gar nicht dem Klischee einer Waldorfschule. Es ist ein unglaublich starker Ort. Das wird den Charakter der Schule bestimmen. Es wird eine ungewöhnliche Waldorfschule“, sagt Swen Geiss, der seit 2007 an der Alanus Hochschule lehrt und in Wuppertal sein Büro team 51.5° architekten führt. In seinen Plänen ist das Gebäude nach Jahrgangsstufen gegliedert, und der Grundriss bildet die Schullaufbahn ab.

Bis zur Eröffnung ist es allerdings noch ein weiter Weg, der bereits 2015 begann. Schon länger sucht die 2011 gegründete Waldorfschule einen dauerhaften Standort, der das Gesicht der Schule wird. Das derzeitige Gebäude ist schlicht zu klein. Die Schule kontaktiert schließlich Swen Geiss. „Jede Waldorfschule ist selbst Betreiber eines Gebäudes. Es gibt also nicht nur einen Bauherren, sondern viele Beteiligte. Das war eine der großen Herausforderungen“, erzählt der Architektur-Professor.

Wie möchte die Schule den Prozess organisieren? Wer entscheidet mit? Wie nutzt man das riesige Gelände? Um diese und andere Fragen zu klären, schlägt er ein „moderiertes Werkstattverfahren“ vor – und überzeugt mit seinem Konzept. „Wir haben dann die Planung der Planung übernommen.“ Dafür engagierte er Simon Koolmann als freien Mitarbeiter in seinem Büro.

Alle Beteiligten an einem Tisch

Gemeinsam konzipieren sie vier Workshops und holen von Juni bis November 2016 in Görlitz Lehrer, Eltern, Schüler und Mitarbeiter der Stadt an einen Tisch. Doris Bach, Vorstandsmitglied der Waldorfschule, blickt zurück: „Die Workshops haben den Güterbahnhof als Standort bestätigt. Er war zuvor immer ein Wackelkandidat in der Schulgemeinschaft. Es gab starke Befürworter, aber auch viele Bedenken.“ Die Workshops hätten eine hohe Akzeptanz geschaffen. Mittlerweile sei die Waldorfschule ein Prestigeprojekt der Stadt, sagt Bach.

Das Görlitzer Projekt fasziniert auch Simon Koolmann. Während der Workshops entscheidet er sich, seine Bachelorarbeit darüber zu schreiben. „Ich habe einen Vorschlag gemacht, wie die Schule aussehen könnte. Anhand der Entwürfe, die ich präsentiert habe, konnte die Schule Position beziehen und musste nicht im luftleeren Raum diskutieren“, sagt Koolmann. Für seine Arbeit wird er unabhängig vom Görlitz-Projekt als einer von neun bundesweit ausgewählten Kandidaten für den deutsch-polnischen Architekturförderpreis BDA-SARP-Award 2017 nominiert. Der Preis zeichnet herausragende Abschlussarbeiten im Bereich Architektur und Städtebau aus.

Zahlreiche Erkenntnisse aus Koolmanns Studenten-Arbeit fließen sogar in die konkreten Umbau-Pläne für die Waldorfschule ein. Da die Europäische Union und das Land Sachsen das Projekt fördern, wird der Planungsauftrag im Frühjahr 2017 zunächst europaweit ausgeschrieben. „Auf Wunsch der Mitgliedergemeinschaft der Schule haben wir daran teilgenommen“, sagt Geiss. Im Juni bekommt sein Büro schließlich den Zuschlag. Geiss und Koolmann haben nun eine große Aufgabe vor sich: „So ein Projekt bekommt man wahrscheinlich nur einmal im Leben“, sagt Geiss.

Vom Güterbahnhof zur Waldorfschule
© Simon Koolmann
© Simon Koolmann
© Simon Koolmann
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