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Selbstverwirklichung durch Selbstoptimierung?

"Warum man nicht machen kann, was sich ergeben muss" – Ein Kommentar von Philosophie-Professor Thomas Schmaus

Ob Körper-Training, Pillen zur Leistungssteigerung oder Apps, die dabei helfen, den Tag möglichst effektiv zu nutzen – Selbstoptimierung ist ein Phänomen, das heute bei weitem nicht nur Fitness-Freaks und Technik-Nerds betrifft oder bloß zu bestimmten (Arbeits-)Zeiten zum Tragen kommt. Sich selbst zu optimieren ist für viele zu einem Alltagsprojekt, ja zu einer Lebensaufgabe geworden. Man kann sogar den Eindruck gewinnen, dass es sich dabei inzwischen um die zeitgemäße Form der für den modernen Menschen so wichtigen Selbstverwirklichung handelt. Denn was es da zu optimieren gilt, sind ja nicht nur physische Faktoren, sondern auch die psychischen, sprich die emotionalen und mentalen Eigenschaften einer Person.

Es wäre allerdings verfehlt, daraus zu schließen, Selbstoptimierung beträfe den ganzen Menschen. Sie ist vielmehr mit einem reduzierten Bild des Menschen verbunden, das diesen als jemanden versteht, der etwas aus sich zu machen hat. Dieses Konzept zielt also auf den „Selfmademan“ und konzentriert sich dabei auf das technische Know-how und die damit verbundenen Entwicklungsfähigkeiten. Ohne technisches Denken und Handeln, so die Pointe, wäre der nackte und schutzlose Mensch gar nicht überlebensfähig. Was ihm aber zunächst nur dazu verhalf, seine natürlichen Mängel auszugleichen, entfaltet seit Jahrhunderten eine Steigerungsdynamik, der scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. 

Dieser Schwung des Fortschritts, die Faszination immer raffinierterer technischer Möglichkeiten, die Entdeckung, was alles machbar ist, ja die zunehmende Überzeugung, dass alles machbar ist, und das Erleben von erhöhter Selbstwirksamkeit erklären die Lust daran, die eigene Leistung technisch zu steigern. Woher aber kommt der Frust, der damit ja offensichtlich auch verbunden ist und bis hin zum Burn-out führen kann? Eine wichtige Quelle ist sicherlich das Wissen um die ständige Gefahr zu scheitern: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied – und wer sich „verhaut“, wer nichts aus sich macht, ist selber schuld. Auch dann aber, wenn man dieser Gefahr gewachsen ist, bleibt ein Problem bestehen, das noch tiefer liegt. Das Menschenbild der Selbstoptimierung beruht auf einer grundlegenden Unzufriedenheit mit sich und der Welt: So wie es jetzt ist, ist es (noch) nicht gut. Und fatalerweise stellt der Weg, mit dem man diesen Zustand verlassen möchte, nämlich die permanente Selbstoptimierung, gar keinen Ausweg dar: Der Optimalfall wird niemals eintreten. Denn es geht ja immer noch besser…

Wege aus der Alternativlosigkeit

Es genügt nicht, auf die Verkürzungen dieses Menschenbildes hinzuweisen und ihm ergänzende oder ganzheitliche Konzepte zur Seite oder entgegenzustellen. Wer es verinnerlicht hat, ist in der Regel davon überzeugt, dass es „funktioniert“ und – oder wenigstens – „alternativlos“ ist. Alternativen müssen daher aus Erfahrungen erwachsen – und zwar aus solchen, die nicht nur aus dem Scheitern des Machbarkeitsdenkens bestehen, sondern aus dem Gelingen von andersgearteten Prozessen.

Ich denke dabei zum Beispiel an Erlebnisse, selbstvergessen in einer Tätigkeit aufzugehen und dabei in Fluss zu kommen, weswegen man auch von „Flow“-Erfahrungen spricht. Solche oft erfüllenden und beglückenden Erfahrungen entziehen sich der Machbarkeit, lassen sich nicht herstellen, sondern müssen sich ergeben. Sie werden dankbar als Geschenk oder gar Gnade erlebt. Mit anderen Worten: Es geht um kreative Erfahrungen, bei denen die Welt nicht zur Verfügung steht, um etwas aus ihr zu machen, sondern in Schwingung gerät und gewissermaßen antwortet. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht daher von „Resonanzerfahrungen“ und weist darauf hin, dass sie unabdingbar für ein gelungenes Leben sind. Wo sie auftreten, ist aber nicht Herstellung, sondern Gestaltung gefragt. Es kommt dabei zu einem schöpferischen Prozess, bei dem man mitgestaltet, mitwächst und sich auf diese Weise auch selbst formt, selbst verwirklicht. Derart gestimmte Begegnungen zu ermöglichen und Resonanzräume für sie zu schaffen, gehört meines Erachtens zu den wichtigsten Bildungsaufgaben unserer Zeit.

Selbstverwirklichung durch Selbstoptimierung?
Werk: Ulrich Mekiska, © Britta Schüßling
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