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Innovation – nur etwas für Macher?

Gesellschaftsgestalter gesucht! Ein Kommentar von Philosophie-Professor Thomas Schmaus.

„Mein altes Leben schmeckt wie ein labbriger Toast … Mir platzt der Kopf, alles muss sich verändern … Wenn’s dir nicht gefällt, mach neu!“

Diese Zeilen stammen aus einem Lied von Peter Fox, das vor einigen Jahren den Nerv der Zeit traf und die Spitze der Charts erklomm. Dazu trug auch das innovative Musikvideo bei, in dem trommelnde Affen den Takt vorgeben und scheinbar unaufhaltsam Farbe in die graue Landschaft bringen, womit „alles neu“ wird. Der ganze Vorgang erscheint symptomatisch: Was neu ist, landet ganz oben. Wer innovativ ist, gewinnt. Und wer nicht beim Alten verharrt, kommt voran.

 

Nur noch Neues unter der Sonne?

Der hohe Stellenwert, den das Neue, das Innovative in unserem Leben einnimmt, ist freilich älter als ein Jahrzehnt, aber so alt dann doch nicht, wie man vielleicht glauben könnte. Er entstand am Ende des Mittelalters und damit am Beginn einer Epoche, der man später bewusst den Namen „Neuzeit“ gab. Eine Fülle von historischen, philosophischen, religiösen, ästhetischen, sozialen und ökonomischen Faktoren führte damals dazu, dem Alten und Traditionellen kein Vertrauen mehr zu schenken. Wer sicheren Stand finden wollte, um die theoretischen und praktischen Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen, musste die morschen alten Gebäude mitsamt ihren Grundmauern abreißen und selbst ein neues Fundament legen, auf dem man dann sichere Aufbauarbeit leisten konnte. „Ich denke, also bin ich“ – so lautete die bekannte Einsicht von René Descartes, die den Beginn der modernen Wissenschaften markierte. Diese gehen analytisch vor, methodisch und akzeptieren nur das als Wissen, was der Überprüfung durch Experimente standhält, noch standhält – bis es durch neue Erkenntnisse abgelöst wird. Weil damit auch der Siegeszug der modernen Technologien zusammenhängt, deren Fortschritt bis heute nicht nur anhält, sondern sich stetig zu beschleunigen scheint, kann man das Selbstverständnis des neuzeitlich-modernen Menschen um folgende Aussage erweitern: „Ich mache, also bin ich.“

 

Das immer Gleiche im Gewand des Neuen?

Der Ruf nach Innovation erschallt also seit langem, aber heute offensichtlich lauter denn je. Auch Fox rückt daher in seinem Lied mit „Baumaschinen, Baggern und Walzen und Kränen“ an, um auf und aus den Trümmern des Alten Neues zu erschaffen. Kein Wunder, dass diese umfassende Erneuerungsbewegung vor unserem Selbstverständnis als Menschen nicht halt macht. Zu machen, um zu sein, heißt eben auch, sich zu machen, sich besser zu machen, um mithalten zu können in unserer Gesellschaft. Vor dem Hintergrund der digitalen Technologien klingt das dann so: „Bin das Update, Peter Fox 1.1 … Ich bin euphorisiert, und habe teure Pläne.“ 

Mit Nachdruck an sich selbst zu arbeiten, sich zu optimieren, scheint das Gebot der Stunde. Und doch mischen sich Misstöne in das innovative Konzert. Ist das Neue wirklich immer das Bessere? Führt uns dieser Fortschritt nicht auch fort von uns selbst? Erkaufen wir die Euphorie der Selbstoptimierung nicht mit einem Grundgefühl der Unzufriedenheit, weil wir so, wie wir jetzt sind, noch nicht gut genug sind? Ist das so verstandene Neue wirklich neu oder nicht vielmehr ein Höher, Schneller und Weiter des immer Gleichen? „Hey, alles glänzt so schön neu“, heißt es im Lied und die Ironie ist nicht zu überhören bzw. zu übersehen, wenn im Musikvideo die weiße Wäsche an der Leine weht. Unter der polierten Oberfläche unserer Gesellschaft klafft eine große Leere, verbreiten sich Depressionen und Burnout, greift die Sinnlosigkeit um sich. Immer mehr Menschen kommen daher zu der Einsicht, dass hier etwas nicht stimmt. Es wird Zeit, Innovation (wieder) neu zu denken.

 

Das innovative Potential von Philosophie und Kunst!

Philosophie und Kunst fördern ganzheitliches Denken und Handeln. Sie verhelfen dazu, die eindimensionale Sicht von Mensch und Welt unter der Maßgabe der Machbarkeit zu überwinden und ihre Vielschichtigkeit zu erfassen. Sie analysieren nicht nur, sondern erkennen Zusammenhänge und tragen dazu bei, neu Orientierung zu finden. Ganzheitliches Denken und Handeln versetzen aber auch in die Lage, überkommene Auffassungen kreativ zu verändern – jene eingeschlossen, die Innovation auf den immergleichen Gleisen betreiben.

Wer frischen Wind in unsere Gesellschaft bringen möchte, selbst etwas bewirken und nachhaltig verändern will, muss kein Macher sein. Das Einüben in reflexives und kontemplatives Denken und die Erfahrungen von schöpferischen Prozessen zeigen vielmehr, dass sich das wirklich Neue gar nicht herstellen lässt. Gefragt sind daher Menschen, die dazu in der Lage sind, sich auf unberechenbare, aber gestaltbare Prozesse einzulassen, die neue Perspektiven einnehmen, kreativ tätig sind und erfahren haben, dass auf diese Weise Möglichkeiten ins Spiel kommen, die eine Machbarkeitsstudie gar nicht auf der Rechnung haben kann. Das erfrischend Neue, welches dabei entsteht, muss auch keine Berührungsängste mit dem Alten haben. In diesem Sinne erneuert der Studiengang die Tradition der Liberal Arts, die schon zur Geburtsstunde der Universität Gesellschaft gestaltet haben. Wer hier mittelalterliches Gedankengut vermutet, liegt allerdings weit daneben. Kulturelle Bildung sucht nicht Imitation, sondern Inspiration.

Auch Peter Fox kann ein Lied davon singen. Der markante Einstieg seines Songs „Alles neu“, der am stärksten ins Ohr geht und über das Liedende hinaus nachklingt, ist nämlich gar keine neuartige Idee, sondern stammt aus der siebten Symphonie von Dimitri Schostakowitsch. Aber die Art, wie der Songwriter diese Stelle aufgreift, umgestaltet und einsetzt, ist von einer innovativen Kraft, die auch heute nichts von ihrer Frische verloren hat.

Innovation – nur etwas für Macher?
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