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Getanzte Literatur

Fünf Fragen an den Schriftsteller Michael Kumpfmüller

Herr Kumpfmüller, Sie haben ein Auftragswerk für das Fachgebiet Eurythmie verfasst, das von Studenten tänzerisch umgesetzt wurde. Wie kam es zu dem Kontakt?

Der Kontakt ist über eine Literaturdozentin der Alanus Hochschule entstanden. Wir haben uns vor vielen Jahren bei einer Lesung eines meiner Bücher in Köln kennengelernt und waren uns gleich sympathisch. Als dann die Anfrage für das Auftragswerk für die Hochschule kam, habe ich sofort zugesagt. Das war einerseits Ausdruck meines Vertrauens in sie und andererseits das Gefühl, dass ich mich an einem Widerstand abarbeiten kann.

Welche Form von Widerstand meinen Sie?

Die Anfrage hat mich ehrlich gesagt erschrocken, da ich keine Ahnung hatte, wie ich damit umgehen soll. Gleichzeitig bewege ich mich als Schriftsteller in einem Literaturbetrieb, der auf die Dauer langweilen kann. Meine Neugier und mein Wunsch, über den Tellerrand zu blicken, kamen sozusagen der Anfrage zugute. Meines Erachtens leben wir in einer komplizierten gesellschaftlichen Situation, in der sich die Frage stellt, wer eigentlich für die Produktion von Inhalten und Sinn verantwortlich ist. Da haben wir die Literatur, die Wissenschaft, Teile der Politik und natürlich alles, was im weitesten Sinne spirituell-religiös ist. Dazu rechne ich die Anthroposophie und ihre Arbeitsfelder. Kurz: Wir sitzen längst allein einem Boot und sollten uns füreinander interessieren. Zudem hat es mich natürlich gereizt, einen Text zu schreiben, der tänzerisch beziehungsweise tänzerisch-eurythmisch von jungen Menschen bearbeitet und umgesetzt wird.

Hatten Sie von Seiten des Fachgebiets Eurythmie Vorgaben zu Inhalt und Länge des Textes?

Nein, gar nicht. Es gab allerdings ein Vorgespräch mit den vier jungen Eurythmisten, die den Text tanzen sollten, und ihrem Dozenten Alexander Seeger. Ich wollte wissen, was die Studenten bewegt, was ihre Fragen sind und ob ihre Fragen in den Text aufgenommen werden können. Nach dem Gespräch hatte ich drei Dinge: Erstens hatte ich die Inhalte in Form von zwei Fragen, die sich ausschließen, bei genauerem Hinsehen aber nicht ausschließen: „Wer bin ich?“ und „Wie kann ich die Welt retten?“. Erstaunlicherweise sind das auch meine Fragen. Das Zweite, was ich hatte, waren Gesichter. Ich hatte den visuellen Abdruck einer menschlichen Begegnung. Und das Dritte war der Vorsatz, mich davon in keiner Weise beeinflussen zu lassen.

Sie haben sich also zuerst mit den Tänzern getroffen und gesprochen, um dann davon losgelöst das Auftragswerk zu schreiben?

Ich schreibe immer mit dem Bewusstsein,dass es einen Leser oder in diesem Fall einen Tänzer gibt. Das weiß ich, aber ich vermeide es, ihn allzu genau zu kennen. Nach dem Gespräch bin ich natürlich mit dem Thema Tanz nach Hause gefahren. Denn wenn man weiß, dass ein Text getanzt werden soll, denkt man über das Tanzen nach. Zusätzlich stand ich unter dem Einfluss der Begegnung mit einer Frau, dich mich eingeladen hat, in ihrer Todesstunde an ihr Sterbebett zu kommen. Daraufhin fiel mir der Totentanz ein, woraus schließlich der Text wurde.

Ihr Text handelt also vom Sterben?

Ja, aber auch vom Leben, denn der junge Mann in meinem Text, der von der alten Frau Lila eingeladen wird, an ihrem Sterbebett zu erscheinen, findet durch die Begegnung und Erfahrung wieder zum Leben zurück. Mit diesem Thema habe ich den Tänzern auch einen Widerstand gegeben, an dem sie sich abarbeiten konnten und mussten. Das habe ich ihnen einfach zugetraut, und wie sich herausstellte, ganz zu Recht.

Getanzte Literatur
Niklas Stalhammer
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