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Farbe mit Sinn

Das Projekt Färbergarten

Zwölf Studenten stehen an den Tischen in einem Seminarraum, vor ihnen Mörser, Küchenmesser und Schneidebretter. Sie zerkleinern rote Beete, Kamillenblüten und Stiefmütterchen, in einer Ecke verströmen zerschnittene Rosenblätter ihren intensiven Duft.

Was auf den ersten Blick an einen Kochkurs erinnert, ist tatsächlich ein Workshop zur Gewinnung und Verwendung von Pflanzenfarben an der Alanus Hochschule. Seit dem Frühjahr 2016 gedeiht am Campus II der Hochschule ein Färbergarten, den Studenten der Kunsttherapie und Kunstpädagogik, unterstützt von Architekturstudenten, angelegt haben. In sieben Beeten wachsen Pflanzen zur Herstellung unterschiedlicher Naturfarben heran. Mit ihrem Färbergarten ist die Hochschule Teil der globalen Netzwerk-Initiative sevengardens, die weltweit landestypische Gärten mit Färberpflanzen anlegt und Workshops zur Farbgewinnung aus Pflanzen anbietet. In Zusammenarbeit mit Schulen, Universitäten, Museen, in Parks und Botanischen Gärten schafft sie so Räume zum Lernen, Experimentieren und für interdisziplinäres Arbeiten. 2012 wurde die Initiative als offizielle Maßnahme der UN Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet.

Hildrun Rolff, Professorin für Kunsttherapie, und Margaret Ellis, Lehrkraft für besondere Aufgaben im Bachelorstudiengang Kunsttherapie / Sozialkunst, brachten die Idee, Pflanzenfarben in das Studium zu integrieren, an die Alanus Hochschule. Sie knüpften den Kontakt zu Peter Reichenbach, Initiator der weltweiten Färbergärten-Initiative sevengardens. Aus dem begeisternden ersten Workshop mit den Studenten entstand die Idee, einen eigenen Garten anzulegen. Auch der Studiengang Kunst-Pädagogik-Therapie war, begleitet von Beatrice Cron, von Beginn an engagiert dabei. Die Professorin im Fachbereich Bildungswissenschaft übernahm daraufhin zusammen mit Corinne Roy, Künstlerische Mitarbeiterin im Bachelorstudiengang Kunsttherapie, die weitere Koordination des Projektes. In den regelmäßig stattfindenden Workshops können die Studenten unterschiedliche Pflanzen mit ihren Farbvarianten entdecken und sich untereinander austauschen. Darüber hinaus werden sie als sogenannte „Dialoguer“ ausgebildet und lernen die Arbeit mit Pflanzenfarben und deren Herstellung in pädagogischen, therapeutischen und sozialen Kontexten einzusetzen. „Ich möchte die Studenten zu ganz ursprünglichen Farben inspirieren, die sie selber herstellen können und die unmittelbar durch ihre besondere Qualität berühren und darüber hinaus sensibilisieren, für was uns direkt umgibt“, meint Cron. „Diesen Impuls können die Studenten dann in ihre Arbeit mit Kindern, zum Beispiel in die Schulen mitnehmen und weitergeben.“

Farbe gibt es nicht nur am Bildschirm

Kindern und Jugendlichen eine kreative Möglichkeit zur Beschäftigung mit der Natur zu geben, erscheint besonders vor dem Hintergrund einer immer digitaler werdenden Welt sinnvoll: Laut der JIM-Studie 2015 (Jugend, Information, (Multi-)Media) besitzen 92 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen ein Smartphone und sind nach eigener Aussage durchschnittlich 208 Minuten täglich damit online, Tendenz steigend. Die Arbeit mit Naturfarben kann dabei eine Möglichkeit sein, spielerisch ein Bewusstsein für Umwelt und Nachhaltigkeit zu schaffen, gleichzeitig kreative Impulse zu geben und dabei zu zeigen, dass Farben nicht nur am Bildschirm oder in der Tube existieren. Ökologische, biologische sowie physikalische und chemische Zusammenhänge werden veranschaulicht, das Selber-aktiv-Werden der Kinder und Jugendlichen durch Sammeln, Schneiden oder Mörsern schult die motorischen Fähigkeiten. Die Naturfarben haben im Gegensatz zu industriell hergestellter Farbe keine chemischen Zusatzstoffe, sie können also bedenkenlos mit den Händen verarbeitet und danach umweltfreundlich entsorgt werden.


In der Hexenküche

Kunst-Pädagogik-Therapie Studentin Maja Schachl ist von Beginn an mit Leidenschaft bei dem Projekt dabei. Sie experimentiert mit unterschiedlichen Pflanzen und testet, welche Zusätze die Farben auf welche Weise verändern. „Die Farbe ist offen, immer im Prozess. Man hat keine Garantie, dass sie so bleibt,wie sie am Anfang war. Mit Natron wird das kräftige Rot der roten Beete beispielsweise nach spätestens einer Stunde grün“, erklärt sie. „Das ist natürlich insbesondere für Kinder toll, sie fühlen sich oft wie beim Experimentieren in einer Hexenküche“, ergänzt die Studentin schmunzelnd.

Die Herstellung der Farben braucht Zeit: Zuerst werden die Pflanzen sortiert nach Farbe gesammelt, danach auf einem Brett mit einem Messer zerkleinert. Die so entstandenen Pflanzenteile werden nun im Mörser weiterbearbeitet und mit wenig Wasser verdünnt durch ein mit Wachs behandeltes Tuch gepresst. Die in kleinen Tropfen austretende Flüssigkeit ist die Farbbasis,mit der gemalt oder die weiter verarbeitet werden kann. Für Schachl geht es dabei nicht in erster Linie um das Ergebnis, sondern um den Prozess, das „Erlebbar-Machen“ von Farbe und das Ansprechen der verschiedenen Sinnesebenen.

Besonders Tast- und Geruchssinn spielen in Ergänzung des Sehsinns beider Arbeit mit den natürlichen Materialien in wichtige Rolle und beeinflussen das Farbempfinden mit. Naturfarben in der Kunsttherapie Corinne Roy sieht bei der Arbeit mit Pflanzenfarben besonders die Anwendungsmöglichkeiten in der Kunsttherapie: „Pflanzen sammeln, zerkleinern,zu einem Brei zermörsern wird von den meisten Menschen willig, manchmal neugierig mitgemacht. Wenn dann aber die ersten Tropfen einer meist klaren,farbigen Tinte aus dem Tuch tropfen,ist jeder begeistert.“ Es scheint zu erstaunlich,dass aus einfachsten Zutaten und vollständig durchschaubarer Bearbeitungstechniken in so wertvoller Stoff entsteht. Das sei erlebte Selbstwirksamkeit und könne so zu einem gestärkten Selbstbewusstsein, Vertrauen in das eigene Können und Wirken führen, erklärt die Kunsttherapeutin.

Auch der Einstieg in den künstlerischen Gestaltungsprozess fiele wesentlich leichter, wenn man die Farben vorher selbst herstelle, so die Projektleiterin des Workshops. Während die Studenten die Spuren des Workshops beseitigen, tauschen sie sich rege aus:Welche Farbe ist bei dem Kommilitonen aus den gesammelten Pflanzen entstanden, wie viel Wasser nimmt der andere,warum hat sich der Farbton bei der Nachbarin verändert? Genau dieser Austausch ist es, der die selbsthergestellten Pflanzenfarben so interessant macht: Erfördert die Kommunikation und solidarisches Handeln in der Gruppe. Aspekte,die die Workshop-Teilnehmer sowohl in den Alltag als auch in ihr späteres Berufsleben mitnehmen und weitergeben können.

Farbe mit Sinn
© Marie Fleur Borger
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