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Vom Bildungsalltag in der Ukraine lernen

Unsere Kanzlerin und ehemalige Lehrerin Myrle Dziak-Mahler hat die Online-Tagung für angehende Deutschlehrer:innen in der Ukraine mit einem Vortrag zum Thema „Veränderungskompetenz“ eröffnet. Sie ist überzeugt: Von dem Mut, der Kreativität und den digitalen Kompetenzen der ukrainischen Lehrkräfte können wir lernen!

Eine große Anzahl an Schulen wurden in der Ukraine seit Beginn des Krieges beschädigt, viele komplett zerstört. Es ist eine Extremsituation, in der Unterricht – online und offline – aufrechterhalten wird und die Lehrenden nicht aufgeben, auch wenn es in der Nähe Explosionen gibt. Denn der (digitale) Unterricht bedeutet viel mehr als Wissensvermittlung: Er gibt Halt! Wir haben beim Goethe-Institut Ukraine nachgefragt, wie Schüler:innen und Lehrenden die schwierige Situation in der Ukraine erleben. Die Fragen beantwortet Tatiana Pavlova im Interview gemeinsam mit ihrer Kollegin Svitlana Balashova.

Wie wird der Unterricht aufrechterhalten? 

Die Ukraine ist ein bildungsaffines Land. Sie ist zudem im Bildungsbereich bereits weitgehender digitalisiert als z.B. Deutschland und deswegen in einer Position, der aktuellen gezielten russischen Zerstörung ihrer Bildungsinfrastruktur durch digitale Alternativen zu begegnen. Der Live-Online-Unterricht läuft in der Regel über Zoom, für asynchrones Lernen werden Google-Classroom sowie zahlreiche lokale Moodle-Plattformen, staatliche Bildungsplattform „Allukrainische Online-Schule“ sowie Messenger benutzt. Der russische Angriffskrieg ist jedoch so sehr auf die Zerstörung von zivilen Strukturen und Wirtschaftsleistung gerichtet, dass die Ukraine auch im Bildungsbereich die Unterstützung von Partnern dringend braucht.

Woher nehmen die Lehrkräfte jeden Tag ihren Mut?

Ukrainische Lehrkräfte sind gewohnt, viel zu arbeiten. Neben zahlreichen Fortbildungen und Schulungen, die sie jährlich machen müssen, erteilen die meisten Nachhilfeunterricht, um Lebenshaltungskosten zu decken und einmal jährlich in Urlaub zu fahren. Sie machen auch jetzt ihre Arbeit und leisten auf diese Weise einen großen Beitrag. Damit geben sie ihren Schüler:innen viel mehr als Unterricht, es ist ein Stück „Normalität“ für Kinder und ihre Eltern.

Wie können wir uns einen Unterrichtstag vorstellen?

Man hofft immer auf einen ruhigen Tag ohne Alarm und ohne Angriffe. Wenn die Schule über einen Schutzbunker verfügt oder einen in der Nähe hat, findet auch Offline-Unterricht statt. Kinder kommen wie gewöhnlich in die Schule und fangen mit dem Unterricht an. Der Unterschied ist nur, dass jedes Kind eine „Visitenkarte“ mit den Kontaktdaten der Eltern hat. Wenn der Alarm kommt, begeben sich alle in den Schutzbunker. Oft wird der Unterricht dort fortgesetzt, wenn die Räumlichkeiten es erlauben. Manchmal kann es auch stundenlang dauern.

Nehmen auch Kinder und Jugendliche am digitalen Unterricht teil, die geflüchtet sind?

Die meisten. Es liegt daran, dass ukrainische Kinder im Ausland nicht benotet werden und keine Zeugnisse bekommen. Die Schule im Ausland hat eher die Funktion einer Tür zur Sozialisierung und Integration. Deshalb bestehen die Eltern sehr oft darauf, dass ihre Kinder sowohl ukrainische als auch die Schule an ihrem jeweiligen Ort besuchen. Das kann nicht immer synchron laufen, die ukrainischen Aufgaben werden oft am Abend oder am Wochenende nachgeholt.

Wortwolken, Wirbelgruppen und Digitale Comics: Wie kreativ ist der Unterricht in der Ukraine derzeit?

Dank zahlreicher Fortbildungen und engem Austausch unter den Kolleg:innen können ukrainische Lehrkräfte ihren digitalen Unterricht abwechslungsreich gestalten. Wortwolken, Padlet,  mysimpleshow, WorldWall, edupad, liveworksheets , Kahoot, Quizizz, Mentimeter, Learningsnacks und viele andere finden ihren festen Platz im Unterrichtsalltag

Kann in der aktuellen Situation eine Weiterentwicklung der Online-Plattform für Schulen, die während der Pandemiezeit entwickelt wurde, stattfinden?

Selbstverständlich, es findet sogar schon statt: das Goethe-Institut Ukraine beschäftigt sich im Moment intensiv mit der Entwicklung, Begutachtung und Herstellung von hochwertigen Bildungsinhalten (Video-Tutorials, Online-Aufgaben, Tests und didaktisch-methodischen Handreichungen sowie Zusatzaufgaben für das Fach DaF als zweite Fremdsprache in der Sekundarschule) für die staatliche digitale Bildungsplattform "Ukrainische Online-Schule". Es werden Empfehlungen für Lehrkräfte entwickelt, Blended-Learning und Fernunterricht mit den Materialien auf der Plattform durchzuführen.

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