EN
Studienbereiche
Architektur
Bildende Kunst
Bildungswissenschaft
Eurythmie
Künstlerische Therapien und Therapiewissenschaft
Philosophie
Schauspiel
Wirtschaft

Bucherscheinung: „Deutsch – eine Liebeserklärung. Die zehn großen Vorzüge unserer erstaunlichen Sprache“

Was die deutsche Sprache kann! Hier gibt es exklusiv einen Auszug aus dem neuen Buch von Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Honorarprofessor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus Hochschule.

Deutsche Sprache: beziehungsbegabt, einfühlsam und ausdrucksstark

Auszug aus dem neuen Buch von Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt: „Deutsch – eine Liebeserklärung. Die zehn großen Vorzüge unserer erstaunlichen Sprache“. München 2022, Piper Verlag (Taschenbuch, 255 Seiten, 12 €).

Wenn wir im deutschen Sprachraum Zeugen von Unhöflichkeit sind, so liegt es jedenfalls nicht an der deutschen Sprache. Im Gegenteil, als wüsste die deutsche Sprache, dass Barschheit bei uns so häufig ist, hat sie uns gerade eine Vielzahl von freundlichen, kommunikationsfördernden Partikeln an die Hand gegeben. Sie werden im Deutschen besonders häufig verwendet.

Ausgerechnet die deutsche Sprache soll Freundlichkeit begünstigen? Manche Vorurteile sprechen eine andere Sprache. Das Deutsche sei ein barbarischer Jargon, den man gerade noch mit den Pferden sprechen könne, urteilte der französische Philosoph Voltaire. Auch Kaiser Karl V. sprach, wie er kundtat, zu Gott auf Spanisch, mit seiner Geliebten Italienisch, mit Freunden Französisch und zu Pferden Deutsch.

Und doch, gerade das Deutsche bietet eine Fülle liebenswürdiger kleiner Wörter an, die geeignet sind, unser Verhalten positiv zu beeinflussen und den Kontakt zu anderen zu erleichtern. Es sind Wörter, über die in der Schule oft kritisch geurteilt wurde: Es seien Füllwörter oder Flickwörter, man solle sie meiden, weil sie nichts Echtes zu bedeuten hätten; es seien Verlegenheitswörter, um das eigene Zögern zu verdecken. Stattdessen solle man seinen Verstand gebrauchen, seine Wörter vor dem Sprechen sorgfältig wählen, dann könne man auf diese Füllwörter getrost verzichten.

Ganz falsch! Wir brauchen sie!

Es ist nämlich gerade so, als hätten unsere Vorfahren diese vielen kleinen freundlichen Wörter erfunden, weil sie wussten, dass so mancher zu Grobheiten neigt, weshalb sie Vorsorge trafen. Und so stellt die deutsche Sprache beziehungsfördernde kleine Wörter zur Verfügung, und man sollte sie nicht als überflüssig betrachten, sondern die Vorzüge erkennen, die sie bieten. 

„Wie heißt du denn?“, fragen wir das Kind eines neuen Nachbarn. Das ist netter und verbindlicher als die krude, fast schon fordernde, unmittelbar gestellte Frage: „Wie heißt du?“ Das kleine Wörtchen denn schafft den Unterschied.

„Mach’s halt!“, lautet die milde Aufforderung des Vaters an seinen Sohn, in der Dunkelheit den Dynamo an seinem Fahrrad anzuschalten, auch wenn es unter seinen Altersgenossen aus unerfindlichen Gründen als uncool gilt.

Wenn die Sorge der Eltern schon nicht einzusehen ist, so versteht der Sohn zwischen den Zeilen, dann solle er es doch bitte, bitte aus reiner Gefälligkeit ihnen gegenüber tun! Das kleine und unscheinbare halt erzeugt den kameradschaftlichen Ton, der dem Nachwuchs womöglich das Einlenken erleichtert. Was würde hingegen der schlichte Befehl „Mach’s!“ in einer modernen Verhandlungsfamilie bewirken? Vermutlich nichts als Trotz.  

„Wo bleibt sie bloß?“, lautet die besorgte Frage der Mutter an eine Freundin, weil die Tochter nicht nach Hause gekommen ist und es spät wird. Gewiss, dieses kleine bloß fügt zu der Frage, wo die Tochter bleibe, keinen neuen Sachverhalt hinzu. Aber es deutet die Sorge der Mutter an, und damit verleiht es der Frage die kommunikative Bedeutung. Dem schlichten „Wo bleibt sie?“ ginge hingegen der entscheidende Mitklang ab, der durch das Wörtchen bloß erzeugt wird.

Es geht ja eben gerade nicht nur um eine schlichte Informationsfrage, die die Gesprächspartnerin sachlich beantworten könnte, sondern um den Ausdruck der Sorge, ob der Tochter womöglich etwas widerfahren und dies der Grund für ihr Nichtkommen sein könnte. Wir sehen also, wie wichtig, ja entscheidend dieses bloß ist. Und damit erkennen wir auch, wie wichtig neben der rein sachlichen Frage die Tönung ist, die wir ihr geben.

Unsere kleinen Freunde, die Partikeln, tragen keine eigene lexikalische Bedeutung. Wohl aber ist es die Haltung, die Stimmung der Fragenden, die durch diese „Zaunkönige im Pelz der Sprache“, wie der Linguist Peter Eisenberg sie fast schon zärtlich nennt, zum Ausdruck kommt. Und dies, den Ausdruck von Stimmungen, leisten diese kleinen Wörter meisterlich. Mit ihrer Hilfe ist unsere kommunikative Absicht fein und nebenhin eingeflochten und wird nicht mit großen Worten in die Welt hinausposaunt.

Eben diese Feinheit der kommunikativen Mitbedeutung ist der große Vorzug der Partikeln (aus lateinisch particula, Teilchen). Zählungen zufolge kommen im Deutschen im Durchschnitt auf 100 Wörter 13 Partikeln. Diese häufige Verwendung ist eine Besonderheit des Deutschen. Es ist deshalb auch nicht gerade einfach, eine Ballung von Partikeln in eine andere Sprache zu übersetzen, wie zum Beispiel die bewusst altmodische Bestätigungsformel des Professors Unrat in Heinrich Manns gleichnamigem Roman: freilich denn nun wohl, traun fürwahr.

Interessant ist der Gebrauch der Antwortpartikel ja. Oft wird ja nicht in dieser Funktion verwendet, sondern zum Ausdruck eines Vorwissens, das der andere mit uns teilt: „Sie wird ja in diesem Monat ihr Abitur schreiben.“ Wenn wir nicht vermuteten, dass unser Gegenüber von dem bevorstehenden Abitur weiß, hätte das ja keinen Sinn. So aber schlagen wir die kommunikative Brücke zum anderen, indem wir an unser gemeinsames Vorwissen erinnern.

Allerdings begegnen uns im Alltag auch immer wieder Zeitgenossen, die ein solches ja einflechten, ohne dass wir den Sachverhalt kennen könnten. So jemand verrät zu seinem eigenen Nachteil, dass er mehr bei sich als beim anderen ist, denn sonst wäre ihm bewusst, dass wir das, was er weiß, nicht wissen können, und er würde das ja vermeiden. Man darf die Partikeln nicht unterschätzen. Auch sie wollen korrekt verwendet werden.

Die Partikel ja hat übrigens Verstärkung erhalten. Es ist der Ausruf und ja!. Er unterstreicht die ihm folgende Aussage und hebt deren Berechtigung vorsichtshalber schon einmal hervor: „Und ja, Bildung für alle muss sein!“

Wenn wir die Richtigkeit unserer Aussagen hervorheben wollen, bieten sich im Deutschen aber noch weitere, eher klassische Bestätigungspartikeln an: eben oder ebendeshalb – und vor allem genau.

Die Bestätigungspartikel genau hat inzwischen eine weitere Funktion erobert. Genau! wird auch mitten im Satz als Gliederungs- und Bestätigungsmerkmal des gerade laufenden Denk- und Formulierungsvorgangs gebraucht: „Nach dem Schulabschluss habe ich, genau, erst einmal eine Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, und dann habe ich, genau, eine Banklehre begonnen. Da habe ich viel gelernt, genau.

Kurios! Nicht der andere soll bestätigen, dass er verstanden hat, was man sagen wollte, sondern man selbst bestätigt sich … ja was eigentlich? Man bestätigt sich selbst in einer Art innerem Monolog, dessen unfreiwilliger Zeuge aber nun auch der Gesprächspartner ist, dass man einen neuen Gedanken beginnt, oder auch, dass der Gedanke gerade endet. Man legt also die Arbeit an der Gliederung seiner Gedanken offen und macht auf sie aufmerksam, so als wäre eine besondere Anstrengung nötig, um die Gedanken sprachlich zu ordnen.

Daran ist nichts moralisch Schlechtes, denn warum soll man nicht eingestehen, dass man gerade angestrengt nachdenkt?

Das bestätigende genau gibt die Antwort auf gleich mehrere selbst gestellte Fragen des Redners: Ist es so gewesen, wie ich es gesagt habe? Habe ich jetzt auch das gesagt, was ich sagen wollte? Und habe ich es an der richtigen Stelle gesagt?

Allerdings kann man sich als Gesprächspartner auch fragen: Entspricht diese Offenlegung geistig-sprachlicher Anstrengung der vorgetragenen Gedankenfülle? Denn wie immer geht es in der Anwendung sprachlicher Mittel auch um die Angemessenheit, bezogen auf den Redegegenstand, den Empfänger der Nachricht und die Redesituation.

Die beobachtbare Verbreitung von genau unterstreicht einen Wesenszug der deutschen Sprache, den wir uns als Sprecher zunutze machen, aber auch, wie gezeigt, überstrapazieren können (wie alles, was uns zur Verfügung gestellt wird):

Die Sprache beeinflusst uns darin, die kommunikativ so wirksamen Partikeln häufig zu gebrauchen und damit unsere Sprecherhaltung anderen gegenüber immer wieder zu offenbaren, statt uns nur auf den Ausdruck purer Sachverhalte zu beschränken. Das ist kommunikationsfördernd. Allerdings kann ein zu häufiger Gebrauch auch stören, weil man als Hörer nicht jede gedankliche Anstrengung und jeden Selbstzweifel des anderen nachvollziehen will, vor allem dann nicht, wenn er sich auch bei der Schilderung einfachster Sachverhalte offenbar besonders anstrengen muss. Freilich kann der Selbstzweifel, der mit genau vorgetragen wird, manchmal durchaus sympathisch wirken: Hier ist jemand ohne Scheu ehrlich zu sich selbst und zu anderen, was wiederum der offenbar so beliebten Gefühlsäußerung im Deutschen entspricht.

Die deutsche Sprachgemeinschaft ist erfinderisch. So kommen neue Partikeln hinzu.  Das gilt auch für eine besondere Klasse, die die Intensität einer Äußerung hervorheben, man nennt sie Gradpartikeln. Wir kennen zum Beispiel die Gradpartikeln sehr, ganz, höchst oder ziemlich.

Nun sind gerade Kinder und Jugendliche immer auf der Suche nach markanten Aussagen, für die sie Hervorhebungen erfinden. Und so haben sie das Deutsche durch eine Fülle von jugendsprachlichen und inzwischen auch umgangssprachlichen Partikeln bereichert, angeführt von der Gradpartikel voll. „Mama, das ist voll schön!“, ruft ein Mädchen angesichts eines sich rasch drehenden Karussells im Schaufenster eines Spielzeugladens aus. „Echt megakrass“, kommentiert die ältere Schwester. Jede junge Generation findet ihre eigenen altersgemäßen Hervorhebungen und Tönungen.

Das belebt die Jugendsprache. Und auch als Erwachsener kann man in ausgesuchten Kontexten durchaus einen Effekt erzeugen, wenn man etwas voll unfair findet. 

Kommunikativen Zwecken dienen auch Ausrufe und Gesprächskommentare wie der Ausdruck ganz ehrlich, der gewöhnlich am Anfang eines Satzes steht. Seine Verwendung hat enorm zugenommen.

Ganz ehrlich leitet ein emotionales Geständnis ein. Meist handelt es sich um eher alltägliche Widrigkeiten, die spontane Reaktionen hervorrufen:

A: „Da hat sie ihren Urlaub in letzter Sekunde dann doch noch verlegt.“

B: „Echt jetzt? Ganz ehrlich: Das geht so was von gar nicht.“

C: „Voll unfair! Aber mal ganz ehrlich: Ist auch nicht das erste Mal, dass sie so was bringt!“

A: „Echt jetzt!“

In den meisten Fällen kann sich die Empörung auch rasch wieder legen oder sich ohne Umstände einem neuen Gegenstand zuwenden. Denn so ernst war sie nun auch wieder nicht gemeint. Deshalb ist die moderne Geständnisformel eben das, was die meisten neuartigen Hervorhebungen auszeichnet: leicht übertrieben – so als ginge es um die Offenbarung einer brisanten Wahrheit, die nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit geäußert werden kann, ja in manchen Fällen nachgerade um eine Art moderner Beichte (so wie die Liedautoren der Schlagersängerin Helene Fischer sie denn auch gleich mit gutem Gespür für Populäres in dem Titel „Mal ganz ehrlich“ verarbeitet haben). Tatsächlich aber ist ganz ehrlich eine Kurzformel für alltägliche Aufgeregtheiten aller Art und genau deshalb so beliebt.

Wie gesagt, ist die Sprachgemeinschaft in der Erfindung oder Umwidmung von Partikeln ausgesprochen produktiv. Die deutsche Sprache begünstigt es. Der Gesprächskultur kann es eigentlich nur nützen, eben gerade dann, wenn es – genau!wieder einmalvoll ums Gefühl geht. Ganz ehrlich!

Bucherscheinung: „Deutsch – eine Liebeserklärung. Die zehn großen Vorzüge unserer erstaunlichen Sprache“