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Auftakt zur Präsentation einer eurythmischen Entwicklungsarbeit

Showing von Helga Mattke und Alexander Seeger zu Franz Liszt, Sonett 104 del Petrarca

 

Petra von der Lohe ist Literaturdozentin im Fachgebiet Eurythmie und setzte sich mit der Arbeit von Prof. Alexander Seeger zu Liszt auseinander.

Diese Arbeit beeindruckt und berührt mich. Gesehen habe ich die Performance von Alexander Seeger Ende April an der Alanus Hochschule in Alfter, zusammen mit Gästen, Kolleginnen, Kollegen und Studierenden. Von außergewöhnlicher Qualität durch ihre Transparenz und Offenheit war auch das Werkstattgespräch und die Demonstration des gemeinsamen Forschungsprojektes von Mattke und Seeger. Hier nutze ich die Gelegenheit zu erklären, wie und warum mich diese Arbeit angeregt hat.

 

Manchmal stört mich, dass ich nicht schnell genug schauen kann

Ich bin Literaturwissenschaftlerin, keine Eurythmistin. Als solche schaue ich auf die Eurythmisierung von Liszts Sonett 104 wie auf einen Text. Schon in der Musik ist durch den direkten Bezug auf eine lyrische Form und durch den Bezug zu Petrarca eine künstlerische Interdisziplinarität gegeben. Ich sehe – und das begeistert mich – die gesamte Textur von Eurythmie, Musik und lyrischer Form. Ich sehe sie tatsächlich im Raum, in der Gestalt des Tänzers und darum herum. Erkenne musikalische Linien, rhythmische Wellen, Klangfarben, metrische Einheiten, erlebe in der Bewegung Teile der kompositorischen Struktur. Manchmal stört mich, dass ich nicht schnell genug schauen kann. Es überrascht mich, dass ich nicht angestrengt bin, sondern neugierig. In den Bewegungen kann ich lesen. Und: Ich werde in keine Übersetzung gezwungen, mir soll nichts ‚beigebracht‘ werden (worauf ich allergisch reagieren würde). Im Dabeisein bei der Eurythmie kann ich musikalischen und tänzerischen Mustern folgen.

Eine weitere Qualität, die mir an der Arbeit auffällt, ist die starke physische und energetische Präsenz, die eine erstaunliche Wirkung hat. Als Zuschauerin sehe ich die kraftvolle und doch sehr feine körperliche Bewegung. Sie resoniert in mir. Bis in die Energiewirbel kann ich nach-fühlen, mit-bewegen. Meine eigene Atmung vertieft sich, meine Haltung wird aufrechter. Ich fühle mich kraftvoller, obwohl ich äußerlich still auf einem Stuhl sitze – sehr angenehm. Das ist die Stelle, an der ich bemerke, dass ich von der Zuschauerin zur Teilhaberin einer Performance werde. Mir scheint, dass bei dieser Art eurythmisch zu arbeiten, ein Schleier zur Verdeutlichung der energetischen Impulse nicht nötig ist. Mich würde er ablenken.

 

„Es kann gar nicht genug gesagt werden, dass Kunst von Mut lebt."

Es braucht Mut, Aura, Körper, Bewusstsein so wie Alexander Seeger einzusetzen. Diesen künstlerischen Mut beschreibt Hilde Domin, eine der großen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts, in einem ihrer poetologischen Texte. Ihre Analyse passt auch zu dieser eurythmischen Forschungsarbeit, die, siehe oben, interdisziplinär ist.

Domin schreibt: „Es kann gar nicht genug gesagt werden, dass Kunst von Mut lebt. Am meisten aber die Dichtung, die sich nicht ‚herausreden’ kann, sondern ‚hereinreden’ muss. Sie ist geradezu eine Erziehung zum Mut, verdirbt ohne ihn, er ist so wichtig wie das handwerkliche Können. Der Mut, den der Lyriker braucht, ist dreierlei Mut, mindestens: der Mut zum Sagen (der der Mut ist, er selbst zu sein), der Mut zum Benennen (der der Mut ist, nicht falsch zu benennen und nichts umzulügen), der Mut zum Rufen (der der Mut ist, an die Anrufbarkeit des andern zu glauben).“

Soll hier heißen: Die Arbeit von Mattke und Seeger hat den Mut zur individuellen Ehrlichkeit, arbeitet sehr genau mit ihrem ‚Gegenstand‘ und glaubt in ihrer Offenheit an die Anrufbarkeit der Anteilnehmenden, der sogenannten Zuschauerinnen und Zuschauer.
Auch in einem weiteren Aspekt ist es sinnvoll, zur Erklärung der Wirksamkeit Hilde Domin zu zitieren, nämlich bezogen auf die Emotionalität: „Durch das Nadelöhr seines Ichs muss er (gemeint ist von ihr der Lyriker, was m.E. ausgedehnt werden kann auf den Künstler, die Künstlerin) hindurch ins Allgemeine: in die punktuelle, die paradoxe Wahrheit der unwiederholbar einmaligen und zugleich doch beispielhaften Erfahrung, in die ‚wirklichere Wirklichkeit’.

Meine Berührbarkeit ist entstanden durch die Verbindung der Emotionalität des Lisztsonetts, der Emotionalität der Coacherin, der Emotionalität des Eurythmisten und meiner eigenen Emotionalität. Gelungen ist dies auch dadurch, dass mir nichts aufgedrängt wurde an Sentimentalität oder Theatralik. Die Emotionalität braucht eine Bewusstheit, eine reflexive Qualität, um nicht betulich oder peinlich zu werden. Das ist, zugegeben, ein Tanz auf Messers Schneide. Alexander Seeger gelingt dieser Tanz auch durch eine besondere Art der Diskretion.

Petra von der Lohe, M.A., Dozentin für Literatur

Auftakt zur Präsentation einer eurythmischen Entwicklungsarbeit
© Conny Fischer