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Ateliergespräch mit Lena Hinckel

Interview mit der Kunsttherapiestudentin und Fotokünstlerin Lena Hinckel in ihrem Düsseldorfer Atelier, kurz vor ihrem Masterarbschluss.

Von Hanna Heinrich

Die Kunst

H: Was hat dich dazu veranlasst, künstlerisch tätig zu werden?

L: Erst einmal bin ich in einer relativ kreativen Familie aufgewachsen. Kreatives Arbeiten war immer präsent und irgendwann hat sich für mich herauskristallisiert, dass es genau das ist, was ich kann und woran ich Spaß und Leidenschaft entwickelt habe.

H: Was würdest du denn sagen, was deine Kunst auszeichnet?

L: Ich arbeite mit dem fotografischen Medium, an der Schnittstelle zwischen Fotografie, Collage, Graphik und malerischen Ansätzen. Ich arbeite im Großen und Ganzen mit dem illusionistischen Gedanken, mit Illusion und Wahrnehmung und das ist eigentlich die große Klammer, die um meine Arbeit steht. Ich würde meine Kunst der Trompe-l’œil Gattung zuordnen.

H: Verfolgst du spezielle Ziele mit deiner Arbeit als Künstlerin, zum Beispiel was die Rezipientenwirkung angeht?

L: Klar. Also einmal diese Irreführung, die Illusion steht an oberster Stelle. Und natürlich sind auch die Wahrnehmungsirritation und der Bezug auf sich selbst, auf den eigenen realen Raum und wie man sich die Bälle zwischen Illusioniertwerden und realem Erkennen zuspielt, also die eigene Reflexion damit, zentrale Momente. Aber der Irritationsaspekt meiner Kunst kam nicht, weil ich die Leute irritieren wollte, sondern er kam aus der Reflexion des Mediums der Fotografie mit der Realitätsnähe. Mir geht es um die Verbindung zwischen der Fotografie als vermeintliches Abbild der Realität und der illusionistischen Darstellung. Letztlich fotografiere ich nichts Reales mehr, sondern nur Modelle dieser Realität – so entsteht die Trompe-l’œil des fotografischen Bildes. Es ist auf jeden Fall was Humorvolles und was Schmunzelndes dabei, auch im Bezug auf sich selber. Deswegen ist es auch spannend zu sehen, wie die Leute reagieren, ob sie entsetzt sind oder Spaß daran haben, auf die Suche zu gehen.

H: Und wie reagieren die Leute auf deine Kunst?

L: Unterschiedlich. Manchmal sind sie entsetzt oder fasziniert darüber, dass es mir gelingt sie auf die Schippe zu nehmen, dann ist es aber auch ganz oft in der Beobachtung bei Ausstellungen so, dass die Leute die Illusion nicht unbedingt merken und eben so genau gar nicht hinschauen.

H: Arbeitest du immer noch künstlerisch oder ist es im Zuge deines Studiums der Kunsttherapie in den Hintergrund getreten?

L: Durch das Studium ist es in den Hintergrund getreten, weil natürlich andere Dinge wichtiger waren, aber ich habe schon versucht, wo ich konnte, meine eigene Kunst aufrecht zu erhalten oder mir einfach auch Dinge notiert, die ich im Nachhinein umsetzen möchte.

Die Kunsttherapie

H: Aus welchem Grund hast du denn angefangen Kunsttherapie zu studieren?

L: Ich hab mein erstes Studium durch Nebenjobs im sozialen Bereich finanziert und dadurch entstand die Idee Kunst und den sozialen Bereich miteinander zu verbinden. So bin ich auf die Kunsttherapie gestoßen.

H: Und in der Kunsttherapie arbeitest du auch mit Täuschung? Also ist das Medium der Täuschung oder das Instrument der Täuschung immer noch wichtig?

L: Der Moment der Täuschung nicht unbedingt, mich interessiert aber als Forschungs- oder Abschlussarbeit der Realitätsbezug und das fotografische Bild als Realität. Den realen Lebensraum von einem Patienten zum Beispiel fotografisch, bildnerisch in den Therapiemoment zu bringen. Aus diesem Grund möchte ich meine Masterarbeit unter dem Thema Alltagsbeobachtung, Fotografie, meine Dinge eine Reportage schreiben. Der Patient wird der Fotoreporter seiner selbst.

H: Wie muss deines Erachtens eine kunsttherapeutische Ausbildung konzipiert sein, die sich für Künstler eignet?

L: Erst mal muss ich als Künstler angenommen und meine Arbeit anerkannt werden, also von den dort Lehrenden. Darüber hinaus muss sie natürlich breit aufgestellt sein, um mir als Künstler, der keine psychologischen, medizinischen Vorkenntnisse hat, die therapeutischen Aspekte aus verschiedensten Richtungen beizubringen, zu verbildlichen und mitzugeben.

H: Aber das heißt, im Master-Studium hier hast du schon das Gefühl gehabt, dass dein spezifisches Künstler-Sein integriert wurde in das Studium, dass du deine künstlerischen Arbeiten, oder deinen künstlerischen Ansatz durchaus verwenden kannst?

L: Auf jeden Fall. Ich konnte das durch die künstlerischen Module weiter verfolgen und gerade dadurch, dass das technische Medium aus dem ich komme, als Medium im Studium genutzt werden konnte. Die Fotografie konnte mein Medium bleiben und die Kunsttherapie konnte hinzu kommen. Die klassischen kunsttherapeutischen Materialien wurden für mich eine Bereicherung oder eine Ergänzung, mussten aber nicht das Andere ersetzen.

H: Glaubst du, dass Kunsttherapeuten Künstler sein sollten?

L: Aus meinem Werdegang, ja. Ich finde, das ist die „Kunst“therapeutischere Herangehensweise. Ich denke, selbst Künstler zu sein, ist schon wichtig, denn um die künstlerischen Prozesse nachvollziehen zu können die passieren, muss man sie einfach auch selbst durchgemacht haben, die sollten einem nicht fremd sein.

H: Im Bezug auf die Kunstprozesse, von denen du gerade gesprochen hast… Gibt es irgendwelche besonderen Erfahrungen, die du während deines Studiums bei Alanus gemacht hast?

L: Auf jeden Fall, dass ich nochmal zu Buntstift und Kreide und Wasserfarben zurückgreifen musste, was ich für mich in meiner künstlerischen Biographie einfach schon abgeschlossen hatte, fand ich am Anfang sehr schwierig, weil ich einfach einen anderen Weg gewählt habe und das erst einmal als rückschrittig wahrgenommen habe, jetzt nochmal damit zu arbeiten. Dann habe ich aber gemerkt, ok., für die Erfahrung und die Arbeit mit Patienten brauche ich diese Erfahrung aber auch noch mal, weil es eine andere Auseinandersetzung war als im Grundstudium zeichnen lernen. Mein Blick für Kunst und Kunstprozesse hat sich noch mal erweitert.

H: Was glaubst du denn gelernt zu haben am Ende des Studiums, du bist jetzt nur noch in der Masterphase?

L: Erst mal ganz viel theoretisches Wissen über Gesundheit, Krankheit und Persönlichkeit und psychologische Aspekte von Persönlichkeit. Dann habe ich noch mal einen viel geöffneteren Blick auf Bildentstehungsprozesse, ob jetzt rein auf therapeutischer, klinischer Ebene, oder auch auf persönlicher, professioneller, künstlerischer Basis bekommen. Das Spektrum, was Kunst alles für Potentiale, für Möglichkeiten hat, hat sich definitiv wesentlich erweitert. Auch, dass es verschiedene Märkte gibt, wie man Kunst praktizieren kann, ist mir noch einmal klarer geworden. Letztlich ist eben die therapeutische Ebene hinzugekommen.

Wechselwirkungen zwischen Kunst und Kunsttherapie

H: Gibt es irgendwelche Wechselwirkungen zwischen Kunst und Kunsttherapie bei dir, die du jetzt am Ende des Studiums feststellen kannst? Hat sich deine Kunst verändert durch die Therapie oder hat durch deine Kunst die Therapie noch mal einen anderen Aspekt bekommen?

L: Ja, also ich habe auf jeden Fall noch mal einen neuen Blick oder eine neue Reflektionsebene durch kunsttherapeutisches Wissen im Bezug auf meine Arbeit bekommen. Es hat mich vielleicht eher noch mal in der Idee, was ist Fotografisches oder Collagenarbeit in der Kunsttherapie, was sind da Wirkfaktoren und einfach in meiner eigenen Persönlichkeit gestärkt oder mir noch mal Ideen dazu geliefert, wie meine Fotografie, eben zurückgezogen in einem stillen Raum, ganz konzentriert entsteht. Das hat das einfach nochmal unterstrichen und ich bin mir da klar, dass es ein gesundes Stillsein ist. Und ob ich jetzt für immer fotografisch in der Kunsttherapie arbeiten werde, das kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall kann ich mir vorstellen, auch die klassische Kunsttherapie zu praktizieren. Das andere ist eher noch ein Forschungsfeld.

H: Hast du dich über das Studium der Kunsttherapie verändert?

L: Ich bin in eine Richtung kompetenter geworden, definitiv und ja, es zeigt mir, dass ich – glaube ich – nicht falsch gewachsen bin. Ja, noch mal einfach so ein Bewusstsein über meine eigene Persönlichkeit, über meine Persönlichkeitsstruktur.

H: Was glaubst du, ist das spezifische Potential der Kunsttherapie?

L: Ganz vordergründig: Der gestalterische Prozess. Kunsttherapie bietet eine Kommunikationsmöglichkeit, die nicht über Sprache funktioniert, sondern eben über diese bildnerische, kreative Arbeit. Für den gestalterischen Prozess ist es auch egal, welches Material man verwendet. Deshalb würde ich auch Kreiden nicht verweigern, weil die eben auch dieses Potential haben. Es ist einfach auch was ganz Intuitives, Spontanes und unterscheidet sich daher auch von Sprache, was nicht heißt, dass es besser oder schlechter ist. Es ist einfach unmittelbarer. Das Bild bleibt eben bestehen, während sich der Blick darauf verändern kann.

H: Hast du für dich in den 4 Semestern Studium einen Schwerpunkt gefunden in der Kunsttherapie?

L: Klar, ich hatte von Anfang an den Bezug zur Fotografie immer im Blickfeld und dadurch auch den Bezug zur Realität, das hab ich von Anfang an auch immer verfolgt und das hat sich konsequent durchgezogen und jetzt mit der Masterarbeit verfestigt. Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich die Fotografie in der Intensität auch im Studium nutzen kann. Aber ich dachte, ok., das interessiert mich auf jeden Fall, da möchte ich so viel wie möglich drüber erfahren. Aber gleichzeitig war mir völlig klar, dass ich ohne Vorwissen und Vorbildung komme und mich erst einmal auf das einlassen will, was da Basis und Grundstock der Ausbildung ist.  

H: Aber letzten Endes hört sich das für mich so an, als würdest du als Individuum und auch als Künstlerpersönlichkeit im Studium nicht nur ernst genommen, sondern auch gefördert worden sein.

L: Ja. Auf jeden Fall! Für mich kann ich das absolut bestätigen, aber auch, wenn ich in mein Semester blicke, habe ich den Eindruck, dass es wirklich bei jedem so ist, dass seine eigene Person, seine Künstlerpersönlichkeit, das Interesse und die Arbeit mit einbezogen werden und es eine sehr engmaschige und persönliche Betreuung gibt.

H: Was möchtest du denn für eine Kunsttherapie machen nach dem Abschluss?

L: Durch die verschiedenen Praktika im Studium hab ich drei Einblicke in die Praxis bekommen und konnte mir ein erstes Bild machen. Das möchte ich natürlich an irgendeiner Stelle noch mal verfolgen, vertiefen, verfestigen. Außerdem möchte ich nach dem Abschluss noch weitere neue Eindrücke sammeln, um vielleicht dann einen Weg einschlagen zu können. Ich möchte auf jeden Fall weiter Kunsttherapie machen. Ich habe aus dem Praktikum heraus ja auch direkt einen Job bekommen. Da habe ich ein Feld, wo ich Erfahrungen machen werde und mich verfestigen werde… das steht ja erst mal an. Aber natürlich werde ich auch das Künstlerische parallel weiterverfolgen oder wiederaufnehmen.

H: Fällt dir ein schlauer Abschlusssatz ein?

L: Definitiv: Es ist kein Fehler zwei Standbeine zu haben.   

Nähere Informationen über ihren künstlerischen Werdegang, sowie Ausstellungs- und Publikationstätigkeiten finden sie auf der Website von Lena Hinckel.

Ateliergespräch mit Lena Hinckel
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