Künstlerische Feldforschung im Tagebaugebiet

und die Parameter einer echten interdisziplinären Zusammenarbeit im gesellschaftlichen Kontext von Kunst und Gestaltung mit Studierenden der Alanus Hochschule und der BTU Cottbus  

Inzwischen zum zweiten Mal haben Studierende des Studiengang Kunst-Pädagogik-Therapie Mitte Oktober eine Einladung des IBA Studierhauses e.V. in Großräschen zum Anlass genommen, herauszufinden, was freie künstlerische Arbeit in einem interdisziplinären Arbeitsumfeld bedeuten und bewegen kann.

In der Lausitz sind die gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse der Energiewende sehr eindrucksvoll zu beobachten. Noch aktive und bereits stillgelegte Kohletagebau-Gelände haben ihre Narben in der Landschaft hinterlassen und ganze Dörfer sowie Landschaftsstriche verschluckt. Die Menschen dort sind mit einer Entwicklung konfrontiert, die widersprüchlicher nicht sein kann. Sie wirft die Frage auf, was Identität ist und wie sie entsteht. Auf der einen Seite bildet der Kohleabbau für viele die existentielle Grundlage, auf der anderen Seite werden völlig neue post-industrielle Landschaften und Siedlungen erschaffen, die keinerlei generationenübergreifende und historisch gewachsene Identifikation mehr erlauben.

Zu diesen Umwälzungsprozessen hat die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land zwischen 2000-2010 wichtige und zukunftsweisende Impulse für die gesamte Region geliefert.

Unter dem Motto „Kultur vermitteln zwischen Nah und Fern“ veranstaltete der IBA Studierhaus e.V. fünf Jahre nach Abschluss der IBA einen einwöchigen Workshop für Studierende. Der Workshop hatte die kritische Zwischenbilanz und Weiterführung der an exemplarischen Orten der Region durch die IBA gesetzten Impulse im Fokus.

Insgesamt zwölf Studierende aus dem Studiengang Architektur der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus, betreut durch den Lehrstuhl „Planen in Industriefolgelandschaften“ von Prof. Dipl.-Ing. Markus Otto, sowie Studierende aus dem Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, betreut durch den Bildhauerei-Professor Gert Bendel, haben an dem Workshop teilgenommen. In gemischten Kleingruppen arbeiteten sie, nach einer Besichtigungstour durch die Region, an ausgewählten Standorten im Dialog mit den Menschen vor Ort an der Entwicklung von Lösungsansätzen und Zukunftsvisionen. In der Zusammenarbeit mit den Studierenden der BTU Cottbus konnten sie im Reallabor experimentieren und herausfinden, was Interdisziplinarität eigentlich bedeutet, wenn man die unterschiedlichen Expertisen ernst nimmt und zu nutzen weiß.

Neben planerischen Maßnahmen, das ungenutzte IBA Erlebnis-Kraftwerk in Plessa einer nachhaltigen Nutzung zu überführen, brachte zum Beispiel ein fiktives filmisches Portrait eines Kraftwerkarbeiters, gedreht in zwei Tagen von Johannes Gehrmann und Max Breuer, das übergeordnete Dilemma auf den Punkt: nämlich den Identitätswandel einer ehemaligen Industrieregion im Übergang zu einer touristischen Nachnutzung.

An dem IBA Projektstandort Geierswalde ist der entstandene Tagebau-See schon fertig geflutet. Der See lockt in der Saison zahlreiche Besucher und Wassersportler an. Das Dorf Geierswalde und die Bevölkerung plagen alljährliche Kapazitätsprobleme mit dem steigenden Besucherstrom. Den Bewohnern gelingt es noch nicht, sich mit der neuen Situation zu identifizieren. Dies versinnbildlicht beispielsweise auch die fehlende Verbindung vom Geierswalder Dorfkern mit dem neu hinzugewonnen Tagebau-See mit seinen schwimmenden Häusern.

Die künstlerische Inszenierung von Carole Lussi macht jedoch auf einen ganz anderen Missstand aufmerksam. Sie hat eine fiktive Grabungsstätte am Ufer des Geierswalder Sees ausgehoben, in der sich Relikte der Abraumförderbrücke befinden, die hier bis in die 70er Jahre Erdreich für die Kohleförderung bewegt hat. Die industriellen Ursprünge haben keinen Raum in den Nachnutzungsplänen der Zukunft, die eine Freizeitregion heraufbeschwören ohne die Identität von Menschen und Region zu berücksichtigen oder ihr einen Platz zu geben.

Die Kunst-Studierenden, die keinerlei planerischen Hintergrund haben, konnten durch ihre geschulte Wahrnehmung recht zielsicher die jeweilige Situation vor Ort erkennen. Durch ihre künstlerische Ausdruckskraft waren sie in der Lage, die zum Teil widersprüchlichen Situationen in starke Bilder und Geschichten zu übersetzen, die durchaus das Potential zu einer gestalterischen Leitlinie in sich tragen.

An den Erwartungen, die Biotürme in Lauchhammer als Baukulisse zu einer rentablen und nachhaltigen Spielstätte zu entwickeln, ist ein Planerteam um Tobias Brokötter zunächst gescheitert. Die risikobereite künstlerische Sichtweise, die die Gestalter bei ihren Alaner Studienkollegen in der Zusammenarbeit so beeindruckte, haben sie sich schließlich zu eigen gemacht. Die identitätsstiftende Nachnutzung des Baudenkmals sahen sie schlussendlich nur in der radikalen Neuausrichtung der Problembeschreibung, die sie als dienstleistungsorientierte Planer zuvor unhinterfragt übernommen hatten. Anstelle neuer, forcierter Nutzungen erarbeitete die Gruppe den Vorschlag, das ausgedehnte Gelände der alte Kokerei Lauchhammer mit seinen Biotürmen als Industriedenkmal zu begreifen und jederzeit zugänglich zu machen. Nur so hielten die Studierenden eine Akzeptanz in der Bevölkerung für möglich. Die angehenden Architekten haben sich auf das künstlerische Spiel eingelassen und letztlich von der Neuausrichtung der Fragestellung in ihrer planerischen Arbeit profitiert.

Die Bildende Kunst und die Gestaltung haben ein unterschiedliches Selbstverständnis und eine andere Ausgangslage. Die Differenz macht es schwer, sich auf die andere Disziplin einzulassen, sie vollständig ernst zu nehmen und in die eigenen Arbeitsprozesse zu integrieren. Die Künstlerinnen und Künstler haben nicht den Auftrag, Probleme zu lösen, während dies von den Architekten im Rahmen ihrer Dienstleisterrolle erwartet wird.

Für die künstlerische Arbeit ist die Benennung des Problems nicht Voraussetzung, sie erschließt sich die Fragestellung selbst und stellt womöglich auch existierende Planungsaufgaben radikal in Frage. Hiervon können die Planerinnen und Planer profitieren.Die Künstler hingegen erleben, wie sich ihre Ansätze in der Realität verankern und den hermetischen Kunstkontext verlassen.

Die Ideenskizzen werden bis zum Ende des Wintersemesters in Cottbus und in Alfter weiterentwickelt und präzisiert. Die Abschlussausstellung findet am 3. und 4. März 2016 an den drei Lausitzer Standorten statt. Planerische Entwürfe und künstlerischen Arbeiten liefern einerseits eine punktuelle  Zwischenbilanz fünf Jahre nach der Internationalen Bauausstellung. Gleichzeitig setzten sie aufbauende Planungsimpulse und skizzieren weitere Zukunftsvisionen für die Region.

Studierende: 

Nancy Bornschein, Tobias Brokötter, Max Breuer, Johannes Gehrmann, Katharina Geilich, Franziska Gützlaff, Harald Hoppe, Steffen Kaup, Carole Lussi, Leonie Mautsch, Anna-Rosa Parr, Dania Gonzalez Sanabria

landschaftliche Eingriffe: Tagebau Welzow-Süd (Foto: Leonie Mautsch)
Videostill Kraftwerk Plessa: "Homo Faber in Vanitas" von Max Breuer und Johannes Gehrmann
Videostill Tagebaulandschaft: "Homo Faber in Vanitas" von Max Breuer und Johannes Gehrmann
Videostill Tagebaulandschaft: "Homo Faber in Vanitas" von Max Breuer und Johannes Gehrmann
30m hohe Lausitzer Landmarke "rosstiger Nagel" (Foto: Carole Lussi)
Steffen Kaup bei der Arbeit zu seinem Video "der große Wurf" (Foto: Gert Bendel)
Carole Lussi an ihrer archäologischen Fundstelle
Videostill: "Serie Plessa" von Harald Hoppe
Biotürme Lauchhammer als Industriedenkmal der Alten Kokerei Laichhammer (Foto: Gert Bendel)
(Foto: Johannes Gehrmann)
 
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