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erste, zweite, dritte Haut
Prof. Benedikt Stahl berichtet über eine Einführungsveranstaltung im Bachelor-Studiengang "Mensch und Architektur" - Eine Annäherung an den Menschen sowie die Beziehungen zu Architektur.

Die erste Haut.

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Wir beginnen mit uns selbst. Wie sonst, wo sonst? Die eigene Haut, die Haut, die mir am nächsten ist, die trennende und zugleich verbindende Membran zwischen Innen und Aussen. Das größte, schwerste und vielseitigste Organ des Menschen. Je nach Körpergröße bis zu 2 qm groß und bis zu 10 kg schwer. Schutzschicht vor Umwelteinflüssen, hochsensibel und doch robust dient sie der Wahrung der Homöostase, des inneren Gleichgewichts.  Sie ist in der Lage sich anzupassen, dehnt sich aus, zieht sich zusammen, erneuert sich, ist lebensnotwendig.

Wir fragen danach, was das alles mit Architektur zu tun haben könnte, sammeln Begriffe und fertigen erste Skizzen. Der menschliche Körper rückt ins Zentrum unseres Interesses und damit die Beziehung zu seiner Umwelt. Weitere Untersuchungen und Experimente führen zu den Ideen alter Meister und machen neugierig. Ausgehend vom Proportionsbegriff und den Betrachtungen der Maßverhältnisse des menschlichen Körpers in der Antike bei Vitruv begegnen wir in unseren Recherchen Darstellungen geometrischer Bezugs- und Konstruktionssysteme in frühchistlicher Symbolik, lernen etwas über die Suche nach dem „rechten Maß“ in der Gotik, studieren Berichte über Regelwerke in der Renaissance, im Barock in der Neuzeit. Immer wieder ist der Mensch auf der Suche nach Schönheit, nach dem „rechten Verhältnis“ von Körper und Raum. Galten in früheren Zeiten eher die symbolischen Werte als verpflichtende Kriterien so sucht die Moderne mehr die praktischen Beziehungen anzuwenden.
Le Corbusier erfindet gar ein eigenes Maßsystem als Grundordnung für seine Architektur. Ernst Neufert verfasst ein bis heute gültiges und vielfach benutztes Standardwerk zur Bauentwurfslehre in dem eine Unmenge an praktischen Ratschlägen und Maßangaben unterschiedlichster Kategorien den Weg zu maßgerechter Architektur weisen wollen. Immer wieder beginnen die historischen Betrachtungen mit dem Menschen. Bedeutende Künstler wie Leonardo da Vinci oder Alberti studieren das menschliche Maß und fertigen berühmte Skizzen dazu. Eine Sonderstellung nimmt dabei Albrecht Dürer ein der dreißig Jahre seines Schaffens damit beschäftigt ist, das Geheimnis der „übermäßigen Schönheit“ zu ergründen. Dürer konfrontiert in seinen unzähligen Zeichnungen organische mit unorganischen, geometrischen Prinzipien und entdeckt gewisse Abhängigkeiten die sich mit den Regeln des goldenen Schnittes decken.

Unsere eigenen Versuche im Raumlabor der Alanus Hochschule bleiben natürlich weit hinter derart intensiven Studien zurück, führen aber dennoch, getragen von den Streifzügen durch die Geschichte der Proportionslehren, zu ersten brauchbaren „Selbstdarstellungen“. Auf großen Packpapierbögen entstehen in gegenseitiger Hilfe Zeichnungen im Maßstab 1:1 mit Kohle, Kreide und Collageblättern. Immer wieder wird korrigiert, schnell wird deutlich, dass jeder Zentimeter mehr oder weniger die Abbildung verändert. Die Kleidung trägt mehr oder weniger auf und verändert dadurch die gesamten Proportionen. Die liegende Person formt ein anderes Bild als die Stehende, bei weitem nicht alle Maße stimmen mit denen der historischen Beispiele überein. Sind die Malversuche anfangs eher zaghaft und vorsichtig, zeugen schwarze Hände und Kohleschatten auf Nasen und Wangen nach einigen Wochen davon, dass die Maßarbeit am eigenen Körper, an der ersten Haut den Forscherdrang der Architektureleven erreicht hat. Die Neugier ist geweckt, die Basis für weitere Experimente und Gespräche über Architektur gelegt.


Die zweite Haut.

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Den zweiten Teil unserer Versuche widmen wir dem Erfinden, dem Gestalten und dem Schneidern oder Konstruieren eigener Kleidung. Bereits Gottfried Semper, bekannt durch die von ihm geschaffene Dresdener Oper, spricht in seiner theoretischen Arbeit von den Zusammenhängen zwischen Architektur und textiler Kunst. Als „Urkunst“ bezeichnet Semper das Flechten und Wirken von Matten und Teppichen. Yurten, Zelte und einfache Hütten sind für ihn die Urform des Bauens und der etymologische Zusammenhang zwischen „Gewand“, „Wand“ und „winden“ vereinen aus dieser Sicht die architektonischen und textilen Begriffe auf dieselbe Sprachwurzel.

Wozu soll die Kleidung dienen? Wie funktional soll sie sein? Wie soll sie aussehen? Welche Farbe, Oberflächenstruktur, Muster soll sie haben? Wie reißfest soll ihr Stoff beschaffen sein? Oder handelt es sich gar um Kleidung für nur wenige Stunden? Darf sie deshalb aus Papier geschneidert sein? Welche Symbolkraft soll sie besitzen? Was soll sie über ihren Träger aussagen? Wie soll sie auf ihr Umfeld reagieren? Soll sie aufregen, anregen, stören, sich unterordnen, grau und unscheinbar sein oder mit Gold und Brokat bestickt werden? Wie wertvoll soll sie sein? Was darf sie kosten? Solche Fragen und noch vielmehr beschäftigen uns während des Entstehens der neuen Kleidung. Es wird skizziert, gemessen, ausprobiert. Kleine Schnittmodelle an maßstäblichen Holzpuppen zeigen die ersten Entwürfe. Stoffe werden gesucht, Bilder verglichen. Die Inspiration kommt aus der Welt der Mode, die Intuition entfaltet sich aus den eigenen Erlebnissen und Träumen. Am Ende entstehen lauter zauberhafte Gewänder, die ein jeder für sich erfunden und umgesetzt hat. Der Entstehungsprozess wird dokumentiert, das Machen von Kleidern, so vermuten wir, folgt ähnlichen Gesetzen wie das Bauen von Häusern. Die drei wichtigen Kriterien sind: Funktionalität, Ästhetik, Technik. Das erste eigene lebensgroße Werk in der Architekturausbildung wird voller Stolz in einer eigenen Aufführung präsentiert. Neuere Versuche mit Kleidern für „mindestens zwei Menschen“ zeigen weitere Dimensionen des Bauens auf und erzeugen auf experimentelle Weise Erlebnisinstrumente, die die Beziehungen zwischen den Benutzern aber auch zwischen Leib- und Dingwelt spürbar machen.
 

Die dritte Haut

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Endlich kommt der Tag an dem es um die Häuser geht. Das Entwerfen von „richtiger Architektur“. Nachdem der Einstieg über die großen Zeichnungen und die neuen Kleider gmacht ist, nehmen wir uns als Thema das Entwerfen eines kleinen Hauses vor. Der oder die Bewohner werden in einer kurzen Geschichte vorgestellt. Ein geeigneter Bauplatz findet sich vielleicht in der Nähe auf dem Campus oder aber irgendwo auf dieser Welt an einem frei wählbaren Platz. Das „Googlen“ machts möglich, ersetzt aber keinesfalls die erste Begegnung der angehenden Baumeister mit dem Ort ihrer Sehnsüchte. Die Grundbedingungen wollen geklärt sein. Das Klima, das Umfeld, die Gerüche, die Geräusche, die Aussicht, Einsicht, Sichtbeziehungen. Die Topographie des Geländes, die Bäume, die Natur. Führen vielleicht alte Wege hin? Sind Spuren aus der Vergangenheit zu finden? Immerhin handelt es sich doch um geschätzte viereinhalb Milliarden Jahre Entstehungszeit dieser Erde...

Modelle, Skizzen, Lagepläne, Beschreibungen, Grundrisse, Ansichten, Schnitte, Perspektiven, Innenraum, Freiraum, Erschließung, Konstruktion, Energie, vielleicht auch schon mal eine ungefähre Idee davon was denn das kleine Haus kosten würde, wieviel Lohn es dem Architekten einbrächte. Das sind einige unserer Arbeitsthemen.

Das Hervorlocken der Einfälle erfolgt in kleinen Spontanentwürfen, in Gesprächen, in Vergleichen. Die Baugeschichte dient als reicher Ideenfundus bereits erprobter Beispiele. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, man darf  aber immer wieder versuchen es neu zu verstehen. Eigene Erfahrungen, Geschichten aus der Kindheit fließen mit ein. Wünsche, Ängste, Zweifel, neue Entdeckungen geleiten die kleine Reise zum ersten Haus, zur Idee für die ersten Häuser. Am Ende des Semesters zeigen sie sich: Schön gezeichnet, anschaulich dargestellt in Skizzen, Zeichnungen und Modellen. Man darf Fragen stellen, es wird diskutiert, das Fehlermachen ist erlaubt, gegenseitiges Zuhören wird geübt, ist unverzichtbar.

Dann stehen sie da, die Architektureinsteiger: mit dem gewissen Glanz in den Augen vor ihren Erstlingswerken in ihrer Architekturbiographie. Jeder dokumentiert die Arbeit in einem eigenen kleinen Buch. Ein Student beschreibt diese Annäherung in einem ganz persönlichen Resumée: „Jetzt, da ich diese Worte schreibe, merke ich wie intensiv diese Arbeit, die letzte Zeit, mein erstes Semester war. Ich habe viel gezeichnet, wir haben in Gruppen gearbeitet, hatten interessante Vorlesungen, schöne Ausflüge in verschiedene Städte und durften von verschiedensten Architekten etwas lernen. Ich glaube, dass ich meinem Traum, Architekt zu werden, einen Schritt näher gekommen bin.“

Sollten Sie, geneigter Leser, nun neugierig geworden sein, besuchen Sie uns doch einfach einmal. Sie sind herzlich willkommen!

Benedikt Stahl
Professor und stv. FB-Leiter an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft im Fachbereich Architektur