Künstler im sozialen Brennpunkt

Palästina-Projekt 2010: Künstlerische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

In Beit Jala, nahe Bethlehem gibt es ein Jungenheim, in dem 35 Jungen aus schwierigen sozialen Verhältnissen im Alter von 6-18 Jahren leben. Dieses Waisenhaus gehört zur Abrahams Herberge, die 2003 als Friedensprojekt gegründet wurde: Sie soll ein Ort der Begegnung für Christen, Muslime und Juden sein und die Versöhnung zwischen den verfeindeten Religions- und Volksgruppen in Israel und Palästina fördern. Von Ulrika Eller-Rüter und ihren Künstlerkollegen und Studenten wurde das Jungenheim als geeigneter Ort empfunden, um mit Kunst Zeichen zu setzen.

Bereits zum zweiten Mal initiierte Ulrika Eller-Rüter, Malereiprofessorin an der Alanus Hochschule, ein interdisziplinäres und partizipatorisches Kunstprojekt am Jungenheim. Studenten der Alanus Hochschule, der Detmolder Musikhochschule sowie der Bauhaus-Universität Weimar und der Universität Freiburg reisten gemeinsam mit der Theaterpädagogin Eveline Mürlebach und dem Musiker Friedemann Geisler nach Beit Jala.  

Zentrales Thema des diesjährigen Kunstprojekts war Abraham, der Stammvater der drei monotheistischen Religionen und Namensgeber der Institution. Der Fokus lag dabei weniger auf dem religiösen als vielmehr auf dem interkulturellen Aspekt des Themas und dem Bezug zum Ort. Während im letzten Jahr das gemeinsame künstlerische Handeln mit Kindern und Jugendlichen den multilateralen Dialog anregen sollte, sollte in diesem Jahr die künstlerische und musikalische Arbeit mit intensiveren Übungsphasen und raumgreifenden Ergebnissen im Vordergrund stehen. Das Jungenheim sollte sein Gesicht verändern und die Geschichte Abrahams in einem Musical dargestellt werden. 

Die Studenten und Künstler arbeiteten zwei Wochen täglich mit den Jungen: Friedemann Geisler studierte mit ihnen die Lieder für das Musical ein und sensibilisierte sie für Rhythmus. Im Schauspiel-Workshop befassten sich die Kinder mit den Rollen und zentralen Szenen der Abrahams- Geschichte und stellten diese solo oder im Ensemble dar. Ein anderer Workshop vertiefte die musikalische Arbeit: mit Percussion, Gitarren, Flöten oder am Klavier lernten die Jugendlichen einfache Tonfolgen, um die Schauspielszenen ausdrucksstark zu begleiten. 

Die Räumlichkeiten des Jungenheims wurden von den Künstlern und Jungen gemeinsam verändert. Für die zehn Schlafräume planten und realisierten die Studenten individuelle Raumkonzepte: Die Monochrome Farbflächen, Wandmalereien mit Silhouetten von Tieren und Personen oder mit den farbigen Schatten der Jungen nahmen Bezug auf das Leben der Heimbewohner. 
Die Workshops in der Bildenden Kunst waren ebenfalls so ausgerichtet, dass die Ergebnisse in die Raumkonzepte integriert wurden oder in das Musical einflossen: Die Jungen probierten sich in Glasmalerei, Linolschnitt und Illustration sowie Bühnenbild. Im Workshop Druckgrafik beschäftigten sich die Jungendlichen beispielsweise mit dem Ornament, das als „Zeichensprache“ die Kulturen und Religionen verbindet. Die Drucke wurden u.a. als Friese für die Wände in den Schlafräumen verwendet. Gerade die älteren Jungs lernten in diesem Workshop die eigene Kraft verantwortungsbewusst zu lenken: Es ging um Weitsicht, Kraft, Konzentration und Genauigkeit beim Schnitzen, denn jeder Schnitt wurde als weiße Linie später im Druck sichtbar. 

In einer großen Abschlussausstellung und in einer öffentlichen Aufführung wurden schließlich die Arbeiten zusammengeführt und präsentiert. Es wurde dabei deutlich, dass die Künstler trotz einem Jahr Pause unmittelbar an die Arbeit aus dem Vorjahr anknüpfen und sie vertiefen konnten. Die Kunst hatte trotz der kurzen Arbeitsphasen offensichtlich nachhaltig gewirkt. So bedankten sich die Jungen nicht nur für ihre neu gestalteten Schlafräume, sondern auch dafür, dass die Künstler durch die Kunst aus ihnen hervorgelockt hätten, was in ihnen steckt. 

Zum Abschluss des Projektes setzten sich die Künstler mit der Mauer auseinander, die quer durch das Land verläuft und die palästinensischen und israelischen Gebiete voneinander trennt: Zwei Studentinnen flochten ihre lange Haare für ihre Zopf-Performance zusammen und lösten sie wieder in einem Tanz. In einer rituellen Sprühaktion wurde von anderen Studenten ein Mauerelement mit knalligen Neonfarben „entsockelt“ und durch raumübergreifendes Summen „entfernt“. Außerdem wurden in einer Art Fries die Silhouetten der Künstler auf der Mauer festgehalten.

Das Kunstprojekt wurde ermöglicht durch die großzügige Unterstützung des Fördervereins der Abrahams Herberge.

 
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