Interview mit Nikolaus von Kaisenberg & Willem-Jan Beeren zum Masterstudiengang Prozessarchitektur

Im September 2010 startete an der Alanus Hochschule der neue Masterstudiengang „Prozessarchitektur“. Wodurch zeichnet sich dieser Studiengang aus?

Nikolaus von Kaisenberg: Der Studiengang ist aus der Praxis entwickelt und wird für die Praxis angeboten. Qualifiziert werden Menschen aus allen bauplanungsbezogenen Disziplinen, die ihr Fachwissen um das Entwerfen, Konstruieren und Realisieren von gebauter und gestalteter Umwelt erweitern und vertiefen wollen im Bereich "gemeinschaftsorientierte Projektentwicklung" und "ressourcenoptimierter Architektur". Das heißt, diese Menschen bilden gezielt Fähigkeiten aus, die sie in die Lage versetzen, nicht nur Architektur als gebaute Objekte zu gestalten, sondern vor allem den Prozess selbst, der letztendlich zu gebauten Objekten führt, zu entwerfen, zu moderieren und zu dokumentieren.

Willem-Jan Beeren: Die heutige Baupraxis zeigt beispielsweise im Wohnungsbau, aber auch in Projekten von gemeinnützigen Einrichtungen, wie Freie Schulen, Gesundheitsinitiativen oder in der alternativen Landwirtschaft, dass Menschen, die betroffen sind, beteiligt sein wollen an der konkreten Ausgestaltung ihres (Wohn-)Umfeldes. Hier liegen große Aufgaben für Architekten und Stadtgestalter, wenn sie sich nicht auf die Rolle als "bloße" Designer von Fassaden, Details usw. beschränken wollen, sondern diese Entwicklungen aktiv mitentwickeln möchten. Wir sehen hier einen Trend weg von klassischer Investoren-Architektur hin zu einer selbstbestimmten und von gemeinsamen Werten getragenen Baukunst.
 

Welchen Herausforderungen sehen sich Architekten und Stadtplaner in Zukunft gegenüber?

Nikolaus von Kaisenberg: In meinen Augen ist das zum Einen die ökologische Krise mit dem Handlungserfordernis einer nachhaltigen, ressourcenoptimierenden Bauweise im Einzelhaus, aber auch in Siedlungszusammenhängen und Städten. Zum Anderen ist es der vieldiskutierte demografische Wandel, der aber weit mehr als nur die Überalterung der Gesellschaft bedeutet. Im Gefüge der Gesellschaft verändern sich die Mischungsverhältnisse sozialer Gruppen, Segregations- und Migrationsbewegungen führen zu Entgrenzung, Entmischung und Entfremdung. Hier liegen große Aufgaben für verantwortungsvolle und nachhaltige Stadtplanung und Architektur.

Inwieweit beachtet der Aufbaustudiengang diese aktuellen und zukünftigen Anforderungen an die Architekten?

Willem-Jan Beeren: Wir versuchen den Dialog zu schulen zwischen den "Objektarchitekten", die eine unbändige Leidenschaft haben, die best- und schönstmöglichen Gebäude und Städte zu entwerfen und den "Prozessarchitekten", die nicht ruhen, ehe nicht alle Akteure in diesem "Tanz" ihre Rolle gefunden, ihre Tanzschritte eingeübt und alle im Takt über die Bühne des Lebens gleiten. Erreichen wollen wird das, indem wir einige zentrale Kompetenzbereiche wie die gemeinschaftsorienterte Projektentwicklung, das Wissen um geeignete Rechts- und Wirtschaftsformen oder die Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien zur (Re-) Vitalisierung von Standorten im Studium vertiefen.

Nikolaus von Kaisenberg: Man muss ja betonen, dass die Entstehung von Architektur wirklich vergleichbar ist mit einem Tanz oder einer Theateraufführung, nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass es hier keine Proben gibt, das Drehbuch während des Einstudierens geschrieben wird und die Uraufführung gelingen muss.

Welche Kompetenzen und welches Fachwissen werden im Masterstudiengang „Prozessarchitektur“ vermittelt?

Willem-Jan Beeren: Auf jeden Fall wollen wir Prozesskompetenz als Fähigkeit vermitteln, Entwicklungen zu sehen, gliedern und strukturieren zu können. Außerdem wird die kommunikative Kompetenz in der Darstellung in Schrift, Bild und Plan sowie in der Moderation von Gruppen gestärkt. Darüber hinaus werden natürlich Kenntnisse über die Elemente der Projektentwicklung, also das Zusammenspiel von Kapital, (Bau-)Recht und Architektur in gestalterischer und technisch-konstruktiver Art vertieft. Schließlich werden sich die Studenten auch mit Handlungsstrategien zur integrierten Ressourcenoptimierung auseinandersetzen.

Nikolaus von Kaisenberg: Dafür gibt es im Studiengang ab dem 2. Semester zwei Vertiefungsrichtungen: Die Studierenden können sich entweder mehr der "Prozesskompetenz" und der Projektentwicklung widmen oder in Richtung "Objektkompetenz" ihr Fachwissen und -können im Bereich Ressourcenoptimierung und Immobilienwirtschaft erweitern. Der Zusammenhang bleibt gewahrt durch ein gemeinsames Projekt- und Forschungsforum, wo beide Seiten partnerschaftlich an gemeinsamen Fragestellungen arbeiten sollen, um die angesprochene Kommunikation zu praktizieren. Hier in der "Mitte" des Studiengangs spielen auch übergeordnete Fragestellungen aus dem Bereich Studium Generale mit ein, wie zum Beispiel Methoden wissenschaftlichen Arbeitens oder Gesellschaftsentwicklungen. Durch den Teilzeit-Modus können die Studierende, wenn sie das Studium berufsbegleitend absolvieren, laufend Erfahrungen und Fragestellungen aus ihrer Büro-Praxis einbeziehen.

Welche Perspektive eröffnet der Masterstudiengang?

Nikolaus von Kaisenberg: Er bietet ausgebildeten Planern eine Qualifizierungschance, die sich bereits heute und in Zukunft immer mehr auf dem Markt behaupten wird, nämlich Dienstleistungen anzubieten, die Menschen, Ideen und Kapital auf dem Weg zu gebauten Strukturen sinnvoll und nachhaltig miteinander verknüpfen. Uns freut sehr, dass sich immer mehr junge und berufserfahrene Menschen für diesen Arbeitsansatz interessieren.

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